Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.07.2019


Leokino

„Leid und Herrlichkeit“: Dämonen der Vergangenheit

In seinem Film „Leid und Herrlichkeit“ sucht der Meisterregisseur Pedro Almodóvar die Orte seiner Kindheit als Quellen seiner barocken Fantasie auf.

Antonio Banderas wurde mit seinen Auftritten in Pedro Almodóvars Filmen zum Weltstar. Als Alter Ego des Regisseurs in „Leid und Herrlichkeit“ feierte er in Cannes seinen größten Triumph.

© StudiocanalAntonio Banderas wurde mit seinen Auftritten in Pedro Almodóvars Filmen zum Weltstar. Als Alter Ego des Regisseurs in „Leid und Herrlichkeit“ feierte er in Cannes seinen größten Triumph.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Federico Fellini eröffnete 1963 seinen Film „8½“ mit einem gigantischen Stau. Mittendrin steckt der von Selbstzweifeln geplagte Regisseur Guido Anselmi.

Woody Allen wählte 1980 für seine Fellini-Hommage „Stardust Memories“ als Metapher für die Lebens- und Sinnkrise eines berühmten Regisseurs den Zug. Sein Sandy Bates ist von düsteren Fahrgästen umgeben, aus einem Koffer rinnt Sand, da wirkt auch das Ticken einer Uhr nicht eben beruhigend. An diesen beiden Meisterwerken über das Filmemachen und die Verirrungen in existenziellen und künstlerischen Sackgassen kommt natürlich kein Regisseur vorbei, will er von seiner Befindlichkeit erzählen.

Da Auto und Zug – als filmische Transportmittel – besetzt sind, bleibt Pedro Almodóvar in „Leid und Herrlichkeit“ für die Reise durch die verschlungenen Pfade ins Ich nur noch das Wasser.

Salvador Mallo (Antonio Banderas) hockt auf dem Boden eines Schwimmbeckens und erinnert sich an die glücklichen Momente seiner Kindheit. Seine Mutter (Penélope Cruz) und andere Frauen aus dem Dorf in La Mancha verwöhnen den kleinen Buben mit einem Lied, während sie am Flussufer Leintücher und Hemden waschen.

Almodóvars Alter Ego kann sich wegen seiner körperlichen Gebrechen kaum von der Stelle bewegen. Der Katalog der gesammelten Befunde beschreibt einen toten Mann – oder einen Hypochonder. Eine frische Operationsnarbe verziert die Wirbelsäule, in den Ohren rauscht ein Tinnitus, wegen der Migräneanfälle scheut er das Licht. Erstickungsanfälle liefern ihm die Vorstellung eines bevorstehenden qualvollen Todes.

Daneben verblasst die Schreibblockade, denn Salvador lebt in seinem eigenen Museum, ist längst nur noch mit der Verwaltung seines Ruhms beschäftigt. Die Madrider Kinemathek hat seinen ersten Kinoerfolg „Sabor“ (Geschmack) restaurieren lassen. Bei einer Galavorstellung soll der Klassiker möglichst in Anwesenheit Salvadors und des Hauptdarstellers Alberto Crespo (Asier Etxeandia) gezeigt werden.

Penélope Cruz gehört zum festen Ensemble Pedro Almodóvars. In „Leid und Herrlichkeit“ spielt sie die Mutter des Regisseurs.
Penélope Cruz gehört zum festen Ensemble Pedro Almodóvars. In „Leid und Herrlichkeit“ spielt sie die Mutter des Regisseurs.
- Studiocanal

Mit dem Film, der sich verändert habe, kann sich Salvador identifizieren, doch mit Alberto hat er wegen dessen Heroinsucht seit 32 Jahren kein Wort mehr gewechselt. Aber es ist nicht der Film, „der sich verändert hat, wir haben uns verändert“, sagt seine Assistentin, die sich vor allem um Salvadors medizinische Betreuung kümmert.

Das ist der Startschuss, sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen, die auf die eine oder andere Weise alle schon einmal in den Filmen Almodóvars zu sehen waren. Aus den nostalgischen Erinnerungen werden bald Heimsuchungen. Über der Idylle liegt der Mief der Franco-Diktatur.

Die Armut der in einer Höhle lebenden Familie zwingt den Buben in die Enge eines katholischen Internats, aus dem schließlich ein Priester hervorkommen soll. Dieser Bürde kann sich Salvador durch Flucht entziehen. Zu den Dämonen gehört auch Federico (Leonardo Sbaraglia), Salvadors erste große Liebe, die er aufgeben musste, um sich selbst zu retten.

Pedro Almodóvar nimmt in „Leid und Herrlichkeit“ den Erzählfaden seiner Filme „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982) und „Das Gesetz der Begierde“ (1986) auf. In beiden Filmen spielte Antonio Banderas und eröffnete damit seine Weltkarriere.

Als Alter Ego des Regisseurs konnte der treueste Kinokomplize Almodóvars bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes auch seinen bisher größten Triumph einfahren: Er gewann die Palme als bester Darsteller.

Spanische Kinokomplizen seit beinahe 40 Jahren: Pedro Almodóvar, der demnächst seinen 70. Geburtstag feiert, zwischen Asier Etxeandia und Antonio Banderas.
Spanische Kinokomplizen seit beinahe 40 Jahren: Pedro Almodóvar, der demnächst seinen 70. Geburtstag feiert, zwischen Asier Etxeandia und Antonio Banderas.
- Studiocanal



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