Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Film und TV

Japanische Träume im Urwald von Nara

Cannes-Veteranin Naomi Kawase schickt in „Vision – Die Blüte des Einklangs“ Juliette Binoche auf einen mystischen Waldspaziergang nach Japan.

Jeanne (Juliette Binoche) ist auf der Suche nach der Vision und spirituellem Frieden. Den findet sie bei Förster Tomo Satoshi (Masatoshi Nagase, „Paterson“) in den Urwäldern von Nara.

© FilmladenJeanne (Juliette Binoche) ist auf der Suche nach der Vision und spirituellem Frieden. Den findet sie bei Förster Tomo Satoshi (Masatoshi Nagase, „Paterson“) in den Urwäldern von Nara.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Die Urwälder von Nara in der südlichen Kansai-Region Japans zählen zum Unesco-Welterbe. Die Regisseurin Naomi Kawase wurde nicht weit von dort geboren. In ihrem aktuellen Film „Vision – Die Blüte des Einklangs“ nutzt sie die vertraute Gegend als perfektes Setting für eine mystische Selbstfindungsgeschichte. Kawase ist die wichtigste Regisseurin Japans und seit vielen Jahren ein bekannter Name beim Filmfestival von Cannes. Dort lernte sie auch die französische Schauspielerin Juliette Binoche kennen, die nun die Hauptrolle in ihrem ersten internationalen Spielfilm übernahm.

Jeanne (Juliette Binoche) ist eine Reiseautorin, die sich in Nara auf die Suche nach der titelgebenden Pflanze macht, die der Legende nach nur alle 997 Jahre erblüht. Nach einem persönlichen Verlust hofft Jeanne auf die mystische Kraft dieser besonderen Pflanze, die sie von ihrem Schmerz befreien soll. Vor Ort kommt sie dem verschlossenen Förster Tomo Satoshi (Masatoshi Nagase, „Paterson“) näher – auch körperlich. Tomo betreut die blinde Kräuterfrau Aki, die die „heraufziehende Veränderung des Waldes“ schon zu spüren glaubt. Später gesellt sich noch der mysteriöse junge Rin dazu.

Mit einer weniger starken Darstellerin wäre so eine unzeitgemäß-spirituelle Figur schnell unglaubwürdig. Die großartige Juliette Binoche allerdings erzeugt mit ihrem unverwechselbar traurigen Blick eine kraftvolle Leinwandpräsenz inmitten der japanischen Natur. Als Mittlerin überbrückt sie für das westliche Publikum, auf Französisch und Englisch, kulturelle Differenzen.

Kawase ist eine Filmemacherin, die wie wenige sonst seit dem Mystik-Meister Andreij Tarkowski auf ruhige Stimmungen aus ist. Darin ist sie auch der französischen Regisseurin Claire Denis nicht unähnlich, die Juliette Binoche ebenfalls für ihren Film „High Life“ (2018) engagierte und auf Weltraum-Mission schickte – allerdings mit einem völlig anderen Stimmungseffekt.

Kawases Film sprüht vor daoistisch-shintoistischer Natur-Mystik, in den besten Momenten ohne Dialoge vor visueller Sinnlichkeit mit magischen Bildern etwa von brennenden Wäldern. Dabei erzählt sie auf eine rätselhaft-hypnotische Weise im Kreis und behandelt so ihr zentrales Thema: das der Wiedergeburt. So gesehen ist dieser Film mit seiner Spiritualität eine sehr subjektive Angelegenheit und die Dialoge gestalten sich durchaus auch prätentiös-unzugänglich. Wer aber vom dunklen Kinosaal aus erst mal in den Wäldern von Nara ankommt, wird nicht unberührt wieder herauskommen.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Von 1999 bis 2005 stand Ewan McGregor bereits in drei „Star Wars“-Filmen als Obi-Wan Kenobi vor der Kamera.Kino
Kino

Ewan McGregor: Zurück zum Lichtschwert?

Die Anzeichen verdichten sich: Ewan McGregor könnte als Ober-Jedi ins „Star Wars“-Universum zurückkehren.

kino
Vincent Lindon (Mitte) gewann 2015 in Cannes die Darsteller-Palme. „Streik“ ist seine vierte Arbeit mit Stéphane Brizé.Kino
Kino

“Streik“: Der Profit siegt über die Lebensleistung

Stéphane Brizé rekonstruiert in „Streik“ den Kampf verzweifelter Arbeiter um ihre Stellen und ihre Würde.

kino
Peter Fonda erlag im Alter von 79 Jahren einer Krebserkrankung.Kino
Kino

„Easy Rider“-Star Peter Fonda ist mit 79 Jahren gestorben

Fonda sei am Freitag in seinem Haus in Los Angeles an den Folgen von Lungenkrebs gestorben, teilte die Familie des Schauspielers mit. Er war der jüngere Brud ...

Filme wie Gemälde: ein Lauf über den Wettersteingrat (Film „Wetter Stein Grat“) und Skifahren im freien Gelände („Umschwung“).Film und TV
Film und TV

25 Jahre Filmfest St. Anton: Die Wiege der Extremsportfilme mit Stil

Das Filmfest St. Anton wird heuer zum 25. Mal sehenswerte Bergfilme zeigen. Vom 28. bis 31. 8. blicken die Veranstalter auf viele Höhepunkte zurück und sie g ...

Cowboy Woody nimmt sich in „Toy Story 4: Alles hört auf kein Kommando“ des selbstgebastelten Spielzeugs Forky an.Kino
Kino

“Toy Story 4“: Wegwerfen ist keine Alternative

Pixar holt auch im vierten Teil der „Toy Story“-Reihe universellen Humanismus aus der digitalen Spielzeugkiste.

Weitere Artikel aus der Kategorie »