Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.08.2019


Kino

Das Spiel mit Geld und verkommener Moral

Mit „Der unverhoffte Charme des Geldes“ vollendet Denys Arcand seine grandiose Trilogie über den Niedergang des amerikanischen Imperiums.

Die philosophische Hure und der schüchterne Paketbote: Maripier Morin und Alexandre Landry in „Der unverhoffte Charme des Geldes“.

© PolyfilmDie philosophische Hure und der schüchterne Paketbote: Maripier Morin und Alexandre Landry in „Der unverhoffte Charme des Geldes“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Wenn Pierre-Paul Daoust (Alexandre Landry) den Zustand der Gesellschaft beschreibt, überfällt ihn zitternde Wut, denn der promovierte Philosoph muss als Paketzusteller arbeiten, während Dumpfbacken die großen Imperien regieren. Mit seiner Analyse liegt er nicht ganz daneben, aber es ist diese Mischung aus Selbstmitleid und Überheblichkeit, die ihn als unangenehmen Menschen erscheinen lässt. Immerhin widmet er seine Freizeit dem Heer der Obdachlosen aus Opfern neoliberaler Politik, Inuits und Ureinwohnern, die noch nie in den Genuss irgendwelcher Rechte kamen.

Camille Lafontaine (Mari­pier Morin) hat noch nie einen Obdachlosen wahrgenommen. Auf Wunsch ihrer Mutter besuchte sie erstklassige Bildungsinstitute mit dem Ziel, einen reichen Mann zu ergattern. Aus dieser verachtenswerten Vision entwickelte die wunderschön­e Frau eine Geschäftsidee. Als Aspasie ist sie die teuerste Begleiterin Montreals.

Sylvain „The Brain“ Bigras (Rémy Girard) darf als Strafgefangener in Begleitung von Justizwachebeamten die Universität besuchen. Was er dort über Steuerrecht und Volkswirtschaft erfährt, lässt ihn die Ironie seines Lebens erkennen, denn mit diesem Wissen hätte er die ganz großen Dinger drehen können, ohne mit einer Verurteilung rechnen zu müssen. Wie können nun diese drei akademisch gebildeten Menschen zusammenkommen?

Es war Denys Arcand, Jahrgang 1941, der mit seinem Film „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ 1986 Kanada als große Kinonation etablierte und dem Regisseur eine Reputation ähnlich jener Robert Altmans einbrachte. Dem Ensemblefilm über ein­e Gruppe von Akademikern, die sich dem Hedonismus widmen, folgte 2003 mit „Die Invasion der Barbaren“ eine bittere Fortsetzung, in der Arcand vom Preis erzählte, der für diesen Hedonismus zu bezahlen war. „Der unverhoffte Charme des Geldes“ (im Original: „La chute de l’empire américain“) ist der Abschluss der Trilogie über den moralischen Zerfall der Zivilisation.

Pierre-Paul wird Zeuge eines Massakers während eines Überfalls und kann die Millionenbeute abstauben. Erstmals möchte sich der schüchterne Paketbote ein erotisches Vergnügen gönnen, wobei ihn unter den einschlägigen digitalen Kontaktanzeigen Aspasie überzeugt, verspricht das Angebot doch eine Begegnung mit Aspasia von Milet, der ersten großen Philosophin im Kreis um Sokrates. Nach der Ekstase kommt allerdings die Angst. Einerseits sucht ein Gangstersyndikat mit SS-Foltermethoden in der Stadt nach den Millionen, andererseits ist eine solche Summ­e für Laien nur eine Illusion. Damit kommt Sylvain ins Spiel.

Nach Filmen wie Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ oder Adam McKays „The Big Short“ war vieles in „Der unverhoffte Charme des Geldes“ schon einmal zu sehen. Und wie allen großen Kriminellen, die nach ihrem Spiel mit Milliarden als System­erhalter belohnt werden, gesteht auch Denys Arcand seinen (fiktiven) Figuren ein märchenhaftes Finale zu.


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