Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.08.2019


Kino

“Ava“: Aufbäumen vor der Dunkelheit

Regisseurin Léa Mysius schickt in „Ava“ eine junge Kriegerin auf die Leinwand. Sie kämpft gegen ihre drohende Erblindung.

Die 17-jährige Hauptdarstellerin Noée Abita in ihrem Debüt als 13-jährige Ava, ein rebellischer Teenager, der zu erblinden droht.

© EksystentDie 17-jährige Hauptdarstellerin Noée Abita in ihrem Debüt als 13-jährige Ava, ein rebellischer Teenager, der zu erblinden droht.



Innsbruck – Ava verliert ihr Augenlicht gerade, als sie die Welt neu entdeckt. Die 13-Jährige ist ein rebellischer, eigensinniger Teenager: Sie weint nicht, entlarvt den jungen Liebhaber ihrer Mutter schnell als Gigolo und nennt ihr kleines Geschwisterchen schlichtweg „das Ding“. Immer wieder lässt sie es zurück, denn sie muss ihre Sinne trainieren – allein. Denn nach der alles verändernden Diagnose einer drohenden Erblindung will sie sich ihre letzten visuellen Erlebnisse nicht nehmen lassen.

Als Kriegerin mit rotem Stirnband und Augenbinde pfeift sie auf das sichere Leben als Blinde, das sich ihre Mutter noch für sie ausmalt. In einem schwachen Versuch der sexuellen Aufklärun­g rät diese ihr, mit dem ersten Mal noch zu warten, bis sie 17 ist. Doch Ava sucht bereits die Bekanntschaft mit dem mysteriösen jungen Roma Juan. Ein Kennenlerne­n gelingt, als sie seinen schwarzen Hund entführt, der bereits zu Beginn des Films als böses Omen durch die Strand-Szenerie streifte. Und immer wieder verfolgen die bald erblindende Ava diese filmisch imposanten Albträume: „Der Kreis schließt sich, Tiere lauern in der Dunkelheit.“

Regisseurin und Autorin Léa Mysius lässt ihre dichte filmische Geschichte in einer Idyll­e, einem Urlaubsort an der Atlantikküste, spielen. Dass diese nur vermeintlich idyllisch ist, zeigen die bedrohlichen Wellen, die wie ein letztes Aufbäumen gegen Avas Erblindung gesehen werden können. Ein sinnliches Erlebnis entsteht durch das Spiel mit satten Farben, gleißendem Sonnenlicht und absoluter Dunkelheit, in die die Regisseurin und Kameraman­n bzw. Co-Autor Paul Guilhaum­e ihren Sommer immer wieder abtauchen lassen.

Die umgestürzten Bunker erinnern zugleich an Agnès Vardas letzte filmische Ausflüge ans Meer, in denen sie den Strand als „Gegenteil einer Mauer“ deklariert. Mysius und ihre großartige 17-jährige Hauptdarstellerin Noée Abit­a nehmen diesen Gestus der Freiheit in ihrem Film auf: Zusammen mit Juan raubt Ava die Nudisten am Strand aus; der Soundtrack stimmt „She ain’t a child no more“ an: Ava bricht aus ihrer braven Mädchen-Rolle aus, begibt sich auf ein letztes visuelles Abenteuer. Ein sinnlich-intensiver, junger Sommerfilm. (maw)