Letztes Update am So, 11.08.2019 07:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Juliette Binoche im Interview: „Speziell ziehen mich Gefahren immer an“

Juliette Binoche switcht in „So wie du mich willst“ zwischen der Rolle einer 50-jährigen Literaturdozentin und der einer 24 Jahre alten Frau hin und her. Ein Gespräch über Facebook, das Altern und die wahre Liebe.

Juliette Binoche spioniert als Claire ihren jungen Liebhaber Ludo aus und gerät damit in eine gefährliche Gefühlsspirale.

© Alamode FilmJuliette Binoche spioniert als Claire ihren jungen Liebhaber Ludo aus und gerät damit in eine gefährliche Gefühlsspirale.



Berlin – Sie ist jetzt 55 und fleißiger denn je. Juliette Binoche dreht und dreht und dreht. Ihr neuester Film, „So wie du mich willst“, war einer der schwierigsten ihrer imponierenden Karriere, die ihr auch einen Oscar bescherte. Frankreichs Topstar war heuer Jury-Präsidentin der Berlinale.

In „So wie du mich willst“ ist sie einerseits die 50-jährige, attraktive Literaturdozentin Claire, die in einer schwierigen Beziehung mit ihrem jüngeren Liebhaber Ludo lebt. Um ihn auszuspionieren, und jetzt kommt die andere Seite, legt sie sich ein falsches Facebook-Profil zu und wird zu Clara, einer hübschen 24-Jährigen. Just der Fotograf Alex, Ludos bester Freund, findet ihr Profil online und verliebt sich in sie. Der intensive Chat-Flirt führt gefährlich nahe an den Abgrund.

Die Fach-Bibel „Variety“ beschrieb den Film als „fiebriges Hitchcock’sches Melodram“. Richtig?

Juliette Binoche: Grundlage war ein sehr erfolgreicher Roman von Camille Laurens, den ich mit starkem Interesse gelesen habe. Unser Regisseur Safy Nebbou hat daraus mit Julie Peyr ein Drehbuch entwickelt. Er meint, man könne die Geschichte als böse Komödie, aber auch als Drama sehen. Und ebenso als Thriller. Und das entspricht eigentlich dem, was Variety schrieb. Die Geschichte spielt auch mit dem Publikum, das ja dazu tendiert zu glauben, was es glauben möchte.

Wie hat Safy Nebbou die Story konstruiert?

Binoche: Wie eine dieser berühmten russischen Puppen, die man Matrjoschkas nennt. Man öffnet sie und zieht eine kleinere Puppe raus. Und so geht es weiter. Nach und nach enthüllen sich alle Geheimnisse.

Eine Mordsaufgabe für eine Schauspielerin, denn das Pendeln zwischen einer 50-Jährigen und einer halb so alten Frau ist hier ja wesentlich. Dazu die Gefühlsspirale der beiden. Für Sie eine völlig neue Aufgabe?

Binoche: Nicht ganz. Schon in „Die Wolken von Sils Maria“, in „Die Liebesfälscher“ und „Code: Unbekannt“ spielte ich Figuren zwischen Realität und Fiktion. Doch ja: Claire und Clara zu verkörpern, das war schon was Besonderes. Ich liebe es, wenn mich bereits das Lesen eines Drehbuches in Erstaunen versetzt. Und speziell ziehen mich Gefahren immer an.

Können solche Gefahren auch echt gefährlich werden?

Binoche: Zugegeben: ja. Denn Figuren wie Claire und Clara erlauben einem jeweils auch, Neues in sich selbst zu erkunden. Und die Idee, sich selbst in Gefahr zu begeben und Unbehagen zu spüren, kann man oft nicht vom künstlerischen Prozess trennen. Besonders Claire gehörte zu den Rollen, bei denen ich fürchtete, meinen Halt zu verlieren, weil sie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter provozierte. Um sich davon zu befreien, muss man bereit sein, ganz auf den Boden der Wahrheit zu tauchen. Hat man es geschafft, kann man sich zurücklehnen und entspannt sagen: Na und?

Facebook spielt im Film eine wichtige Rolle. Was halten Sie von Facebook?

Binoche: Es schaut anfangs sicher aus, ist es aber nicht. Claire begibt sich mit Hilfe von Facebook in ein künstliches Leben. Das funktioniert aber nicht, sie ist plötzlich in ihrer Illusion gefangen und kann ihr nicht mehr entfliehen.

Facebook kann also geradewegs in eine Hölle der Lügen führen. Was halten Sie von Lügen?

Binoche: Sie zählen für mich zu den schlimmsten Dingen. Deshalb habe ich nie ein Facebook-Profil eröffnet. Sicher auch aus Angst. Im Leben wollen wir doch immer unseren Schmerzen entfliehen. Da ist Facebook verlockend. Die neuen Mittel der Kommunikation entführen uns in eine Welt, die uns vermeintlich freier macht, sie regen unser Verlangen an. Zugleich machen sie uns aber abhängiger und führen oft dazu, dass wir unser eigenes Grab schaufeln.

Aber auf Instagram findet man Sie?

Binoche: Das scheint mir die bessere Variante. Man kann Informationen teilen und sinnvolle Aktionen ohne Zeitverschwendung starten. Freilich ist das Auftauchen von Perversionen auch dort möglich. Aber wenn ich diesen Verdacht habe, klinke ich mich aus.

Der Film schneidet auch die Frage des Alterns an?

Binoche: Das ist ein Hauptthema in den Frauenmagazinen. Wenn deren Inhalt für die Leserinnen nicht interessant wäre, würde sie ja niemand kaufen. Und da wird einem oft auch der Weg zur „ewigen Jugend“ angepriesen. Mittels Kleidung, mittels Kosmetik und so weiter. Dafür eine Obsession zu entwickeln, kann bei Frauen am Ende zu Schuldgefühlen führen. Aber was soll eine 50-Jährige machen, die von ihrem Mann plötzlich verlassen wird – für eine halb so alte Frau? Ist es ein Wunder, wenn sie plötzlich traumatisiert ist? Es gibt nur einen Weg – sich davon zu befreien.

Glauben Sie an die wahre Liebe?

Binoche: An dieses bedingungslose Gefühl, das zwei Menschen verbindet, und das auch weiterbesteht, wenn man körperlich älter wird? Ja, daran glaube ich. Schon allein, weil wirkliche Schönheit nicht das ist, was uns von Publicity vorgegaukelt wird.

Was bedeutet für Sie dann Sex? „Der hat in meinem Leben keine Priorität“, haben Sie einmal gesagt, „ich will lieber begehrt werden“?

Binoche: Dazu stehe ich nach wie vor.

Mit weiblichen Hauptfiguren um die 50 sieht es auch im französischen Film nicht gut aus.

Binoche: Solche Frauen sind auf der Kinoleinwand völlig unterrepräsentiert. Es gibt sie höchstens in acht Prozent der jährlich anlaufenden französischen Produktionen. Immerhin gibt es immer mehr weibliche Regisseure. Das ist ein Fortschritt. Was mich betrifft, möchte ich betonen: Ich beurteile bei Angeboten nicht, ob das vielleicht ein Frauenfilm ist. Mir geht es vielmehr darum, ob es ein guter Film ist.

Sie selbst hatten wohl nie altersbedingte Sorgen?

Binoche: Vielleicht, weil ich – von Anfang an – meine Palette erweitert habe. Weil ich neugierig bin und interessante Begegnungen liebe. Weil ich die Faszination der Filmkamera erkannt habe. Sie öffnet dir einen Weg zu einer Wahrheit, die viel größer ist als das Leben. Filmen öffnet dir den Weg zu neuen Dimensionen. Ich bin mit meinen Rollen gewachsen. Ich denke, ich bin sehr privilegiert.

Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?

Binoche: Ich höre auf meine innere Stimme. Die sagt mir, was wichtig ist.

Noch etwas, was mit dem Alter zu tun hat: Sie waren 44, als Sie sich als Tänzerin versucht haben. Sie sind mit dem Choreographen Akram Khan auf Welttournee gegangen?

Binoche: Das stimmt. Obwohl ich weder Muskeln noch Erfahrung hatte. Doch ich habe es geschafft, 75 Minuten auf der Bühne zu stehen. Und am Ende hatte ich so viele gute Kritiken. Da war ich sehr stolz.

Haben Sie einen Wunsch für Ihre weitere Karriere?

Binoche: Nur einen. Dass ich mich nie in einer Komfortzone bewege.

Das Interview führte Ludwig Heinrich