Letztes Update am Di, 27.08.2019 07:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film

Doku über Craftbier: Aromaexplosion im Bierglas

Eine neue Dokumentation beleuchtet das Phänomen „Craftbier“. Handwerklich gebraut hält es ungewöhnliche Aromen bereit. Auch Tiroler mischen groß und im Film mit.

"Bierol"-Brauer Christoph Bichler zählt zu den besten Brauern des Landes. Mit seinem "Bomboclaat" (Kakao- und Kokosnoten) erhielt er 2018 die Auszeichnung "Bier des Jahres" von Gault&Millau.

© Filmladen Filmverleih"Bierol"-Brauer Christoph Bichler zählt zu den besten Brauern des Landes. Mit seinem "Bomboclaat" (Kakao- und Kokosnoten) erhielt er 2018 die Auszeichnung "Bier des Jahres" von Gault&Millau.



Von Deborah Darnhofer

Innsbruck – „Mei Bier is ned deppat“, wer erinnert sich nicht an den kultigen Spruch von „Mundl“ Karl Merkatz. Jahrzehnte später ist Bier immer noch Bier, doch vielfältiger, geschmacksintensiver – und seit Neuestem Gegenstand einer Kinodokumentation. Das kommt einer intellektuellen Erhöhung gleich, Überhöhung könnten Kritiker einwenden. „Bier! Der beste Film, der je gebraut wurde“ (ab 30. August im Kino) huldigt dem jahrtausendealten Getränk in vielen Aspekten, mal süffig, mal spritzig.

Wohl der legendären Net-flix-Reihe „Chef’s Table“ nachempfunden spürt Regisseur, Kameramann und Produzent Friedrich Moser der Philosophie hinter dem modernen Gerstensaft nach. Was für die Brauer „Kunst“ ist, soll der Zuseher im Kino nachspüren. Herstellungsanleitungen oder einen umfassenden Überblick darf man sich nicht erwarten. Die allermeisten der 298 heimischen Brauereien (ca. 20 in Tirol) bleiben unerwähnt. Ruhige Sequenzen mit stimmigen Landschaftsbildern wechseln sich dafür mit lauten und teils hektischen Einblicken in ausgewählte US-amerikanische, belgische und österreichische Brauereien und Lokale ab. Mal sind es kilometerlange Felder mit Hopfen und Getreide, mal Keller mit riesigen Holzfässern, dann kupfern glänzende Sudkessel, im Boden vergrabene Amphoren und hippe Lokale mit individualistischen Zapfhähnen.

Hopfen...
Hopfen...
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Und mittendrin: Schwoich mit Bierbrauer Christoph Bichler von „Bierol“. Sie nehmen eine Hauptrolle ein. Denn der filmische Streifzug konzentriert sich vor allem auf eines: „Craftbier“, ein relativ neues Phänomen der Szene, das sich in Österreich seit ca. 2014 etabliert. Das im Kleinen gebraute Bier, das mittlerweile auch Großkonzerne für sich entdeckt haben, traut sich an kreative Geschmacksspiele heran. Brauer toben sich aus und beschäftigen sich intensiv mit Hopfen- und Gerstensorten, Hefen und Lagerung, die allesamt ungewöhnliche Aromen hervorbringen können. Gewürze sind – wie vor Jahrhunderten üblich und durch das deutsche Reinheitsgebot verpönt – jetzt wieder trendig. „Craftbier“ darf nach Kaffee, Kakao und Kokos, Maracuja und Mango schmecken, zudem sehr hopfig oder sehr sauer sein.

...und Getreide bleiben Grundzutaten.
...und Getreide bleiben Grundzutaten.
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Vor dem Trinken wird, dem Wein gleich, gerochen, der Kelch geschwenkt und höchst konzentriert verkostet. Elitäres und gleichzeitig rebellisches Tun schwingt mit. „Craftbier“-Brauer verstehen sich als Geschmacksfanatiker und Individualisten. Ihr handwerklich gebrautes, neuestens regionales Bier soll ein Gegensatz zu dem immer gleichen Gebräu der drei weltweiten Großkonzerne sein. In diesem Sinn versucht sich die Doku an einem Plädoyer für Geschmack und Unabhängigkeit. Die Bierdose, in der im Film Craftbier steckt, darf da nicht fehlen. Mundl hätte wohl seine Freude.

„Craftbiere“ sind in Österreich längst angekommen. Auch die Großbrauerei Stiegl (Kreativbraumeister Markus Trinker und Braumeister Christian Poepperl) mischt mit.
„Craftbiere“ sind in Österreich längst angekommen. Auch die Großbrauerei Stiegl (Kreativbraumeister Markus Trinker und Braumeister Christian Poepperl) mischt mit.
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3 Fragen an...

Regionalität rückt in den Vordergrund

Christoph Bichler - Bierbrauer aus Schwoich.
Christoph Bichler - Bierbrauer aus Schwoich.
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Seit 2014 braut Christoph Bichler auf dem Stöfflhof in Schwoich „Craftbier“. 2018 wurde das „Bomboclaat“ von Gault&Millau zum „Bier des Jahres“ gekürt.

Sie haben kürzlich ihr Fünf-Jahres-Jubiläum gefeiert. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Es waren fünf geniale Jahre. Wir sind sehr zufrieden. Als wir angefangen haben, haben wir nicht recht gewusst, wie weit wir damit kommen. Jetzt werden wir auch in der Region anders, besser wahrgenommen. Das war immer unser Ziel.

Wie sehr ist „Craftbier“ mittlerweile Mainstream?

Eigentlich geht es um’s Bier. Uns sind Werte wichtig, wie, dass Biere von privaten Kleinbrauereien gebraut werden, dass Produktionswege transparent sind. Wogegen wir arbeiten, ist die Industrialisierung des Bieres.

Wohin wird sich Bier in Zukunft entwickeln?

Aus österreichischer Sicht geht die Tendenz klar zu privaten Kleinbrauereien. Viele Leute wollen wieder regionales Bier trinken. Das möchten wir verstärkt angehen. Uns beliefern heimische Bauern. In zwei Wochen wird es unser erstes Bier geben, das zu 100 Prozent aus Tiroler Zutaten und mit Moosbeeren gebraut wurde. Nächstes Jahr möchten wir dann selbst auf biologische Weise Getreide anbauen.

Die Vielfalt der Biere wertschätzen

Der Film „Bier! Der beste Film, der je gebraut wurde“ (ab 30. Aug.) stammt vom Salzburger Regisseur und Kameramann Friedrich Moser.

Friedrich Moser - Filmregisseur aus Gmunden.
Friedrich Moser - Filmregisseur aus Gmunden.
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Wie kamen Sie auf die Idee einen Film über Bier zu machen?

Beim Biertrinken (lacht). Mit einem belgischen Freund bin ich an einem verregneten Tag in einem Pub in England gesessen. Wir haben begonnen uns über „Craftbier“ zu unterhalten, dann diskutierte auch der Barkeeper mit. Ein Film über Bier ist uns aber nicht eingefallen. Tatsächlich gab es noch keinen. Das sahen wir als Chance.

Beim Bier scheint es einen Kampf David gegen Goliath zu geben?

Es ist ein Teilaspekt, der im Film vorkommt, der aber in allen Bereiche der Lebensmittelproduktion stattfindet. Das ist mit den Bäckern nicht anders. Es ist eine ziemliche Marktkonzentration da. Ich bin der Meinung, dass das schlecht für die Konsumenten ist, weil ganz viel Vielfalt verloren geht.

Was soll man beim Biertrinken mitberücksichtigen?

Bei sehr vielen Leuten ist das Bewusstsein noch nicht da, wie groß die Vielfalt ist, das möchten wir mit dem Film betonen. Ich zum Beispiel trinke überall regionales Bier. Mir gefällt, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt.

Zahlen und Fakten rund um das Bier

Rund 106 Liter Bier pro Jahr und Person wird hierzulande konsumiert. Damit liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld.

2018 wurde wie 2017 Lager-und Märzenbier am häufigsten getrunken.

In Österreich gibt es 298 Brauereien, in Tirol sollen es um die 20 sein. Damit hat Österreich eine der höchsten Brauereidichten weltweit.

Mit rund 9,8 Mio. Hektoliter (inkl. alkoholfreiem Bier) stieg 2018 der Gesamtausstoß um 1,5 Prozent.

Die österreichischen Brauereien erzielten 2018 einen Jahresumsatz von mehr als 1,4 Mrd. Euro.




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