Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 28.08.2019


Film und TV

“Paranza - Der Clan der Kinder“: Expedition in die Finsternis von Neapel

„Paranza – Der Clan der Kinder“: Claudio Giovannesi verfilmte Roberto Savianos Roman über Kinderbanden auf dem Kriegspfad.

Aus einem Spiel für Kinder wird tödlicher Ernst: Nicola (Francesco Di Napoli) und sein kleiner Bruder auf der Suche nach Respekt.

© PolyfilmAus einem Spiel für Kinder wird tödlicher Ernst: Nicola (Francesco Di Napoli) und sein kleiner Bruder auf der Suche nach Respekt.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Am Anfang sieht alles nach einem Bubenstreich aus, wenn Nicola (Francesco Di Napoli) nachts mit seiner Bande in die mondäne Galleria Umberto I schleicht, um den großen Weihnachtsbaum unter der Glaskuppel zu stehlen. Diese Idee verfolgt aber auch eine andere Bande. Die Brutalität, mit der die Kinder um die Beute kämpfen, macht innerhalb von Sekunden deutlich, dass es um keinen kindlichen „Krieg der Knöpfe“ geht. Hier, in der Altstadt von Neapel, haben Nicola, Tyson, Lollipop oder Biscottino ganz andere Bilder im Kopf, andere Erfahrungen gemacht. Sie kopieren jene Wirklichkeit, die sie Tag für Tag in den engen Gassen ihres Viertels beobachten. Die Buben lassen sich beim Lagerfeuer auf irgendeinem Müllplatz als glorreiche Kriegshelden feiern. Wie in den großen Mythen haben sie ihren Initiationsritus absolviert. Der brennende Baum ist das Zeichen für das Ende ihrer Kindheit.

Claudio Giovannesis „Paranza – Der Clan der Kinder“ folgt Roberto Savianos Roman „Der Clan der Kinder“, gemeinsam wurden sie für ihr Drehbuch bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

2006 erzählte Saviano in seinem Bestseller „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ von den Strukturen der Mafia-Clans in Neapel, von kriminellen Aktivitäten und unvorstellbaren Grausamkeiten, von globalen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen. Vor allem aber nannte Saviano die Familien, ihre Hintermänner und bisweilen auch Frauen bei ihren Namen. Seither muss der Autor im Untergrund und unter Polizeischutz leben.

Anders als „Gomorrha“ ist „Paranza“ eine fiktionale Geschichte, obwohl Saviano bereits 2006 davon erzählt hat, wie die Camorra den Nachwuchs für Drogenringe und die militärischen Abteilungen rekrutiert.

Nicolas Mutter (Valentina Vannino) betreibt eine Wäscherei, und jedes Mal, wenn die brutalen Geldeintreiber auftauchen und neben dem Schutzgeld auch nach einer schönen Jacke greifen, wird es auch für ihn knapp. Ein Tisch in der Disco kostet 500 Euro. Die Rolex (22.000 Euro) in der Auslage würde ihm auch gefallen. Nach dem Überfall auf den Juwelier weiß Nicola, wofür das Schutzgeld bezahlt wird. Der Clan findet die Täter innerhalb weniger Minuten, die Kinderbande kann von Glück reden, mit einem blauen Auge davonzukommen. Dafür eröffnet sich ihnen das lukrative Drogengeschäft, womit die Kluft zwischen Wirklichkeit und Traumwelt auf den ersten Blick kleiner wird. Musste sich Nicola bisher mit seinem kleinen Bruder im Kinderzimmer noch ein Stockbett teilen, kann er endlich standesgemäße Möbel bestellen und er entscheidet sich für den schlechten Geschmack der Clans, wie er in der TV-Serie „Gomorrha“ nach Savianos Buch zelebriert wurde.

Claudio Giovannesi, der einige Folgen dieser Serie inszeniert und sich dabei eine Meisterschaft in der Anleitung von Laiendarstellern erworben hat, zeigt seine Jugendlichen als Imitatoren einer Kultur des organisierten Verbrechens, in der ständig Grenzen überschritten werden, bis nur noch ein dunkler Abgrund aus Blut und Elend zu erahnen ist. Nicolas Bande nutzt ohne festen Plan aber mit Maschinenpistolen ein Machtvakuum im Viertel.

Auf der Suche nach Respekt und Anerkennung wird aus einem Spiel für Kinder, denen die Kindheit geraubt wurde, eine Expedition in das Grauen. Da kann der Film keinen Trost mehr spenden.