Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 29.08.2019


Film und TV

Filmfestspiele in Venedig mit “La Vérité“ eröffnet

Hirokazu Kore-eda spiegelt mit „La Vérité“ Catherine Deneuves Biografie auf der großen Leinwand. Gestern Abend eröffnete das Drama die Filmfestspiele von Venedig.

Schaulaufen in der Lagunenstadt: Juliette Binoche, Regisseur Hirokazu Kore-eda und Catherine Deneuve präsentierten „La Vérité“ gestern in Venedig.

© AFPSchaulaufen in der Lagunenstadt: Juliette Binoche, Regisseur Hirokazu Kore-eda und Catherine Deneuve präsentierten „La Vérité“ gestern in Venedig.



Von Marian Wilhelm

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Venedig – Am Lido di Venezia hält heuer die Wahrheit Einzug. Doch es wäre kein Filmfestival, wenn sie sich nicht mit der Fiktion mischte. Das heurige Eröffnungswerk „La Vérité“ ist eine Art Film im Film. Das Kino verweist auf sich selbst. Etwas Besseres kann Festivaldirektor Alberto Barbera und seinem Publikum zum Auftakt nicht passieren.

Doch daneben drehen sich auch zwei für Barbera unangenehme moralische Realitäten um den Filmbetrieb selbst: Die Einladung für Roman Polanski und die Unterrepräsentation von Regisseurinnen im Wettbewerb wurden gleich zu Beginn hitzig diskutiert. Jury-Präsidentin Lucrecia Martel widersprach Barbera dabei durchaus offen, was Geschlechter-Quoten für den Wettbewerb betrifft, und stellt sich den Fragen nach Polanski. Die Wahrheit steht in Venedig also mehr denn je zur Debatte. Auch das tut dem ältesten Filmfestival der Welt gut.

Der Star unter den vielen Stars des gestrigen Eröffnungsabends war Catherine Deneuve. Die lebende französische Legende spielt auch im Film eine alternde Schauspielerin mit Allüren, die ihre Seite der Wahrheit als Memoiren öffentlich macht. Regisseur Hirokazu Kore-eda – Cannes-Gewinner von 2018 mit „Shoplifters“ – ist Spezialist für Familiengeschichten. Der Japaner kommt mit der Mehrsprachigkeit in seinem Film deutlich besser zurecht als so mancher italienische Film-Professionelle am Lido. Festivals wie Venedig sind nicht zuletzt auch ein Treffpunkt der verschiedenen Kinematografien der Welt. Im Fall von „La Vérité“ treffen die zwei ältesten Filmtraditionen abseits der amerikanischen aufeinander: „Wir wussten zu Anfang noch nicht, ob wir in Japan oder woanders drehen würden. Ich sagte mir, Frankreich wäre interessant. Die Darsteller und ich haben den Film dann gemeinsam entstehen lassen. Es war eine performative Recherche.“ Die Einladung ins französische Geburtsland des Films hat der zweite große Star des Films ausgesprochen, Juliette Binoche: „Es ist die Magie des Kinos, die uns drei zusammengeführt hat. Ich war sehr jung, als ich mich in Catherine Deneuve verliebte. Sie ist das Symbol der Weiblichkeit und dieser Film mit ihr und Kore-eda ist die Realisierung eines Traums.“ Die schwierige Beziehung von Mutter und Tochter dreht sich um eine dritte, früh verstorbene Figur. „Ich habe sehr viel von mir selbst in die Rolle eingebracht“, meinte Deneuve. Tatsächlich spiegelt sich Deneuves Biografie in „La Vérité“: Kurz nachdem sie mit ihrer Schwester Françoise Dorléac in „Les Demoiselles de Rochefort“ spielte, verunglückte Dorléac tödlich. Deneuve kann heute auf eine über 60-jährige Karriere zurückblicken. Ihre Schwester bleibt auf der Kinoleinwand für immer jung. Auch dieses Spiel mit autofiktionalen Bezügen macht „La Vérité“ – einigen trockenen Dialogszenen zum Trotz – zu einem perfekten Eröffnungsfilm.

Doch das venezianische Spiegelkabinett der Filmgeschichte wirft auch seltsame Schlaglichter auf die Gegenwart in Venedig. Sowohl Françoise Dorléac als auch Catherine Deneuve standen am Höhepunkt in den 60ern für Roman Polanski vor der Kamera. Auch der inzwischen 86-Jährige wurde nun mit seinem neuen Film nach Venedig eingeladen. Wegen Vergewaltigungsvorwürfen droht ihm in den USA die Verhaftung. Ob er zur Premiere nach Venedig kommt und auf die im Zuge der #MeToo-Debatte neu gestellten Fragen antwortet, ist derzeit noch offen.

Auch hier spiegelt die Fiktion die Realität auf heftige Weise: Unter dem bedeutsamen Titel „J’accuse“ verfilmte Polanski die Affäre Dreyfus, einen antisemitischen Justiz-Skandal. Zündstoff also. Und Stoff für wilde Vorab-Interpretationen: Zieht Polanski Parallelen zwischen historischem Unrecht und seinem Fall? Ist „J’accuse“ ein Statement? Morgen wissen wir mehr. Dann hat der Film am Lido Premiere.

Der Strand von Venedig liefert heuer mehr denn je den perfekten Untergrund aktueller Debatten. Früher oder später finden auch sie sich als Stoff auf der Leinwand wieder.


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