Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 31.08.2019


Filmfestspiele in Venedig

Polanskis „J‘accuse“: Kostümierte Anklage am Lido

„J’accuse“ ist die sehr detailgetreue Geschichte eines Justiz-Skandals – eine Allegorie für Roman Polanski?

Der ehrliche Aufklärer Georges Picquart (Jean Dujardin) ist Polanskis Held im Dreyfus-Gerichtsdrama.

© Biennale di VeneziaDer ehrliche Aufklärer Georges Picquart (Jean Dujardin) ist Polanskis Held im Dreyfus-Gerichtsdrama.



Von Marian Wilhelm

Venedig – Roman Polanski erschien gestern nicht in Venedig zur Weltpremiere seines neuen Films „J’accuse“. Der Regisseur sorgt mit dem Historien-Drama dennoch für Provokation am Lido. Das liegt auch am Film selbst, der sich die berüchtigte Dreyfus-Affäre zum Thema nimmt und zu biografischen Interpretationen einlädt. Der Protest äußert sich aber vorwiegend in den sozialen Medien und den Gesprächen in den Warteschlangen am Lido.

Der Film hat all diese Aufmerksamkeit aber gar nicht verdient. Roman Polanski hat den teuersten französischen Film des Jahres vorgelegt. „J’accuse“ ist ein dialog­lastiges Kostüm-Drama, das die Aufregung eher durch die Debatten über seinen Regisseur generiert als durch filmische Dramatik. Ein historisch akkurates Polizei-Intrigen-Drama, das kein Geringerer als Robert Harris aus seinem eigenen Roman „An Officer and a Spy“ adaptierte. Polanski nimmt es mit der historischen Genauigkeit aber allzu genau. Thriller, wie er selbst meint, ist es trotz emotionaler Spannung keiner.

Festival-Direktor Alberto Barbera hat seine Schlagzeilen für und gegen eine Person wie vor 120 Jahren in der Dreyfus-Affäre. Er entscheide nur auf Grund der ästhetischen Qualität, meinte er im Vorfeld. Da hätte sich „J’accuse“ aber eher für die Kategorie „Fuori Concorso“ empfohlen – am Lido ein Festival-Codewort für prestigeträchtige Filme, die für den Wettbewerb untauglich sind.

Der 86-jährige Polanski, der sich vor Jahrzehnten im Prozess wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen dem Urteil eines US-Gerichts entzog, hat bereits alle namhaften Filmpreise im Regal stehen, inklusive Oscar und Goldener Palme. Im Wettbewerb von Venedig hat er nun Außenseiter-Chancen auf einen Löwen, die heute in einer Woche vergeben werden.

Jury-Präsidentin Lucrecia Martel hat zwar klar gemacht, dass sie die Kunst nicht vom Künstler trennt und die Gala-Vorstellung aus Solidarität nicht besuchen wird. Zugleich hat sie Polanskis Film aber auch mit Verweis auf das Opfer, das die Einstellung ihres Verfahrens verlangte, in Schutz genommen: „Können wir es einem Regisseur verwehren, seinen Film bei einem Festival zu zeigen? In welchem Ausmaß schließen wir jemanden aus der Gesellschaft aus? Ich denke, hier ist der beste Platz, diese Debatten tiefgreifend zu führen.”

Bei der gestrigen Pressekonferenz wollten die Beteiligten – darunter Emmanuelle Seigner, Darstellerin im Film und Polanskis Frau – nur Fragen zu ihrer eigenen Arbeit beantworten.

Schauspielerin Emmanuelle Seigner wollte keine Fragen über ihren abwesenden Gatten Roman Polanski beantworten.
Schauspielerin Emmanuelle Seigner wollte keine Fragen über ihren abwesenden Gatten Roman Polanski beantworten.
- AFP

Polanski selbst kann wegen des Auslieferungsantrags nicht in Venedig sein. Im Pressetext wird er so zitiert: „In der Geschichte fand ich Momente, die ich selbst erfahren habe, ich sehe Entschlossenheit, Fakten zu leugnen und mich für etwas zu verurteilen, das ich nicht getan habe. Die meisten, die mich belästigen, wissen nichts über mich und den Fall.“

Parallelen sind eben bisweilen auch Geschichten, die jemand gezielt erzählt. Der Film hält zwar viele pointierte Dialoge zu Wahrheit, Gerechtigkeit und dem französischen Antisemitismus der Jahrhundertwende bereit. Unter dem historischen Kostüm lädt „J’accuse“ aber gerade mit seinem trockenen Historismus zu aktuellen politischen Interpretationen ein. Und der Justiz-Skandal lässt sich perfekt als Spiegel von Roman Polanskis Leben lesen. Doch was in der Realität oft nottut – trockene Fakten und Abläufe als solche zu behandeln –, ist auf der Kinoleinwand und im Festivaltrubel zum Scheitern verurteilt.


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