Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.09.2019


Film und TV

„Diego Maradona“: Ein Himmelsstürmer auf dem Weg zur Hölle

In „Diego Maradona“ erzählt Asif Kapadia vom Aufstieg und Absturz eines Ausnahmefußballers – und von den Sehnsüchten des italienischen Südens.

Diego Maradona wechselte 1984 zum SSC Napoli – und führte den Krisenclub zu zwei Meistertiteln.

© imago sportfotodienstDiego Maradona wechselte 1984 zum SSC Napoli – und führte den Krisenclub zu zwei Meistertiteln.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Christus kam nur bis Eboli. Gott schlug 1984 sein Lager gut eineinhalb Stunden Fahrt weiter nördlich in Neapel auf. Und Gott hieß Diego Armando Maradona. In Katalonien, beim ruhmreichen FC Barcelona, war Maradona, damals 23 Jahre alt, gescheitert. Sein letztes Spiel endete mit einer Schlägerei. Für rund 14 Milliarden Lire wechselte er zum SSC Napoli. 75.000 Menschen kamen zu seiner Präsentation ins Stadio San Paolo. „Die ärmste Stadt Italiens kauft den teuersten Spieler der Welt“, vermelden die Zeitungen. Kameras verfolgen Maradona auf Schritt und Tritt.

Die Fragen, wie sich Napoli „El Pibe de Oro“, den Goldenen Buben aus Buenos Aires, leisten konnte, ob nicht vielleicht doch die Camorra das Geld vorgestreckt hat und ob Maradona denn wisse, was die Camorra ist und welche Rolle sie in Neapel spielt, blieben unbeantwortet. Präsident Corrado Ferlaino ereiferte sich mit großer Geste, komplementierte die Journalisten mit blumigen Zuschreibungen aus dem Raum. Maradonas Blick sprach Bände: Wo zum Teufel bin ich da hineingeraten?!

In Neapel war Maradonas Ankunft der Beginn einer neuen Zeitrechnung, der Start in eine goldene Ära. „Ho visto Maradona“, singen die Napoli-Fans bis heute. Gemeint ist damit nicht nur, dass sie Maradona gesehen haben. Der Fußballgott persönlich ist ihnen erschienen, der beste Spieler seiner Zeit. Vielleicht sogar der beste aller Zeiten.

Napoli, der Schmuddelclub aus dem Süden, schloss auf zu den Nobelclubs im Norden, zu Juventus, Inter und AC Mailand. 1987 führte Maradona Napoli zum ersten Meistertitel in der Vereinsgeschichte. 1990 folgte ein zweiter. Dazwischen 1989 der UEFA-Cup. Maradona stand am Höhepunkt seines Ruhms. Solange er auf dem Spielfeld Wunder vollbrachte, konnte er tun und lassen, was er wollte. Gewendet hat sich das Blatt erst im Sommer 1990, als Maradona, ausgerechnet in Neapel, Gastgeber Italien aus dem WM-Turnier schoss. Da war Maradonas Kokainabhängigkeit bereits ein offenes Geheimnis.

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Die Geschichten, die Asif Kapadia in seinem neuen Film über Diego Maradona erzählt, sind bekannt. „Diego Maradona“ ist der dritte große Dokumentarfilm des Briten. Nach „Senna“ (2010) und dem 2016 mit dem Oscar ausgezeichneten „Amy“ geht es erneut um ein Idol, dessen Laufbahn tragisch endete: eine moderne Tragödie von nachgerade antiker Wucht. Mehr als 500 Stunden bisweilen unveröffentlichtes Archivmaterial stand Kapadia für sein Montagemeisterwerk zur Verfügung. Grobkörnige Aufnahmen des jungen Maradona, dessen langjähriger Freund Jorge Cyter­szpiler es sich früh zur Aufgabe machte, die Karriere des Ausnahmetalents zu dokumentieren, TV-Auftritte, Home-Videos. Aber auch die Tonbänder von Antimafia-Ermittlern, die dokumentieren, wie Maradona Kokain und gleich mehrere Mädchen ordert.

Geheimnisse verrät „Diego Maradona“ keine mehr. Der tiefe Fall des einstigen Goldjungen beschäftigt den Boulevard in steter Regelmäßigkeit. Gerade in Italien, wo Maradonas unehelicher Sohn Diego Jr. gerngesehener Gast in grellen Nachmittagstalkshows ist. Bloßstellung und Schuldzuweisung interessieren Asif Kapadia nicht. Er verlässt sich ganz auf die Kraft der Bilder. Auf Bilder, die entstanden, als Maradona auf dem Spielfeld selbstvergessen zauberte. Bilder, die, sieht man sie heute und im Wissen, was kam, reich sind an Vorahnungen.

Maradonas Geschichte ist für Kapadia aber auch der Schlüssel zu einer anderen Geschichte. Und die schließt an Carlo Levis großen Tatsachenroman „Christus kam nur bis Eboli“ (1945) an. Auch hier wird vom Süden Italiens erzählt, der von den Metropolen des Nordens aus gedemütigt und als rückständig verhöhnt wird. Und es wird von der Sehnsucht erzählt, es denen da oben zu zeigen. Wenigstens ein Mal. Diego Maradona hat diese Sehnsucht sieben wilde Jahre lang geschultert. Auf dem Spielfeld sah das federleicht aus. Doch die Wahrheit liegt eben nicht auf dem Platz. Im echten Leben hat ihn die Last unbarmherzig zerdrückt.