Letztes Update am Mo, 09.09.2019 07:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Venedig

Filmfestspiele Venedig: Lachende Löwen am Grünen Teppich

Überraschende Preisträger und verpasste Chancen am Lido: Comic-Charakterstudie „Joker“ gewann den Goldenen Löwen, Roman Polanski den Großen Preis der Jury.

Der Psychothriller erzählt mit gesellschaftskritischen Untertönen die Vorgeschichte des Bösewichts aus den Batman-Comics.

© Der Psychothriller erzählt mit gesellschaftskritischen Untertönen die Vorgeschichte des Bösewichts aus den Batman-Comics.



Von Marian Wilhelm

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Venedig – Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Am Samstagabend konnten Regisseur Todd Phillips und sein Hauptdarsteller Joaquin Phoenix über ihren Goldenen Löwen für „Joker“ lachen. Die Jury um Lucrecia Martel hatte zum Erstaunen mancher Kunstkinopuristen keine Vorurteile gegenüber der amerikanischen Popkultur. Phillips wiederum hat mit seinem „Joker“ allen antiamerikanischen Unkenrufen zum Trotz gezeigt, dass sich auch aus Comic-Material die Funken für tiefschürfendes Erzählkino schlagen lassen. Er wandelt mit „Joker“ auf den Spuren von Martin Scorsese – inklusive Robert De Niro, der in „Joker“ eine Nebenrolle spielt. Wie in den vergangenen Jahren könnte sich die traditionsreiche „Mostra“ in Venedig als Startrampe für eine Oscarkampagne entpuppen. Hier begann 2017 der Siegeszug von „The Shape of Water“.

„Joker“ – erzählt wird vom Werden des „Batman“-Bösewichts – ist eine düster-tragische, wuchtige Charakterstudie. Wobei das Gotham City der 70er-Jahre reich ist an aktuellen Bezügen. „Is it just me or is it getting crazier out there?“, sagt der spätere Joker Arthur Fleck an einer Stelle. Ein Schelm, wer da nicht an das Heute denkt.

Eine andere Art Sozialstudie bekam den Großen Preis der Jury: „J’accuse“ von Roman Polanski erzählt die antisemitische Dreyfus-Affäre minutiös nach. Polanski legte die biografischen Interpretationen des Justiz-Skandals nahe, verschanzt sich aber hinter historischem Dekor. Den Silbernen Löwen nahm seine Frau Emmanuelle Seigner entgegen.

Venedig hat sich seit drei Jahren als führend für Virtual-Reality-Medien etabliert. In dieser etwas stiefmütterlich behandelten Sektion gewann heuer u. a. die Dokumentation „Daughters of Chibok“ des Nigerianers Joel Kachi Benson über die Familien der von Boko Haram entführten Mädchen.

Zum Abschluss gaben sich die Festspiele also durchaus politisch. Festivalleiter Alberto Barbera freilich ließ politisches Gespür vermissen. Nicht nur in der Causa Polanski. Auch die Chance, das Kino mit der Welt da draußen zu verschränken, verpasste er. Die Umweltaktivisten, die den roten Teppich zum Festspiel-Abschluss als „grünen Teppich“ besetzten, wurden bestenfalls geduldet. Haltung bewies hingegen mancher Preisträger: Luca Marinelli etwa, der als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet wurde, widmete den Preis jenen Menschen, die im Mittelmeer Leben retten.