Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.09.2019


Film und TV

“Lillian“: Verloren in einem wilden Land

Andreas Horvath präsentiert morgen Donnerstag im Innsbrucker Leokino seinen spektakulären Spielfilm „Lillian“.

Die polnische Fotokünstlerin Patrycja Płanik spielt in Andreas Horvaths „Lillian” eine Russin, die in die Wildnis flieht.

© StadtkinoDie polnische Fotokünstlerin Patrycja Płanik spielt in Andreas Horvaths „Lillian” eine Russin, die in die Wildnis flieht.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Auf einem Monitor im Büro eines Pornofilmproduzenten sieht die Russin Lillian (Patrycja Płanik) eine gewalttätige Vision ihrer Zukunft. Möglichweise ist es Erbarmen, vielleicht sind es Zweifel an der körperlichen Belastbarkeit der jungen Frau, weshalb der Mann Lillian den Zugang in diese niederträchtige Filmfabrik verwehrt. Wahrscheinlich hat Lillian aber auch nur naiv von einer Karriere als Model geträumt und dieses Vorstellungsgespräch war nur ein letztes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche.

Reisepass und Visum sind abgelaufen, da könnte ein Besuch im Konsulat von Nutzen sein, doch die nunmehr illegale Einwanderin entscheidet sich für die harte Tour. Sie breitet eine Straßenkarte der USA vor sich aus und sucht nach einer günstigen Route von New York nach Russland. Das jedenfalls darf man vermuten, als die Frau mit der Hand die Karte glatt streicht, sich nach Alaska schiebt und die Beringsstraße erahnen lässt, denn Lillian spricht während des Films kein Wort.

Es sind vor allem Männer, die als große Geher ihre Spuren hinterlassen haben, sofern sie Marsch und Strapazen überlebten. Werner Herzog ging im Winter 1974 von München nach Paris, um das Leben der erkrankten Filmkritikerin Lotte Eisner zu retten. 1978 erschien die dazugehörige Reisebeschreibung „Vom Gehen im Eis“. 2007 rekons­truierte Sean Penn in seinem Drama „Into the Wild“ die Wanderung Christopher McCandless’, der die Zivilisation verließ und in Alaska an der Wildnis scheiterte. Der Österreicher Andreas Horvath, der 2015 mit seinem Dokumentarfilm über den erschöpften und verwirrten Star Helmut Berger Aufsehen erregte, folgt mit seinem ersten Spielfilm „Lillian“ der Russin Lillian Alling, deren (vermutete) Pfade sich allerdings 1927 verloren.

Ohne entsprechende Ausrüstung macht sich Lillian auf den Weg. Hinter Hoboken, noch ist Manhattans Skyline zu sehen, beginnt die versprochene Freiheit, die besondere Fertigkeiten verlangt, um den Einklang mit der Natur zu finden. Ein letztes Mal kümmert sich die Geherin um hygienische und körperliche Belange, rasiert sich Beine und Achseln, bis sie sich ihrer Verwilderung und der Einsamkeit hingibt.

Die Menschen begegnen ihr, der Fremden, mit Misstrauen, überraschend freundliche Gesten erregen ihrerseits Verdacht. Mitfahrangebote sind abzulehnen, auf Warntafeln am Straßenrand sind Listen verschollener Frauen zu lesen. Es ist das Amerika des Jahres 2015, das Horvath mit spektakulär dokumentarischen Bildern und Laiendarstellern porträtiert. Die Analogie zu der sich ankündigenden Krise der 1920er-Jahre, vor der Lillian Alling flüchten wollte, wird deutlich.

Andreas Horvath, der neben Drehbuch und Regie auch Kamera und Musik für „Lillian“ besorgt hat, präsentiert morgen Donnerstag im Innsbrucker Leokino mit seiner Hauptdarstellerin den Film. Ab Freitag läuft „Lillian“ regulär im Kino.