Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.09.2019


Film und TV

„Mein Leben mit Amanda“: Frühes Leid und Terror

In „Mein Leben mit Amanda“ triumphiert die Leichtigkeit in einer tragischen Geschichte.

Traumatisiert nach einem Terroranschlag: Vincent Lacoste als Onkel und Isaure Multrier als dessen Nichte Amanda.

© PolyfilmTraumatisiert nach einem Terroranschlag: Vincent Lacoste als Onkel und Isaure Multrier als dessen Nichte Amanda.



Innsbruck – David Sorel (Vincent Lacoste) zählt nicht zu den Helden der Leistungsgesellschaft. Ohne Ambitionen betreut der Hausmeister eine Wohnanlage, in der hauptsächlich Touristen absteigen. Wenn sich das Gartenbauamt meldet, schneidet er in öffentlichen Parks Äste von den Bäumen. Eine offene Wunde in seiner Biografie zeigt sich bei TV-Übertragungen von Tenniswettbewerben. Eigentlich sollte er auf dem Platz triumphieren, aber darüber spricht David nicht. Mittags holt er seine kleine Nichte Amanda (Isaure Multrier) von der Schule ab, wenn deren alleinerziehende Mutter Sandrine (Ophélia Kolb) verhindert ist. Sie ist Englischlehrerin. Die Geschwister sind zweisprachig aufgewachsen. David hasst seine längst wieder in England lebende Mutter (Greta Scacchi), die sich von der Lebensart der Hippies angezogen fühlte.

Es sind Belanglosigkeiten, über die Mikhaël Hers seine Figuren in „Mein Leben mit Amanda” im Stil von Eric Rohmers „Moralischen Erzählungen” reden lässt, und alles in Hers Film sieht so aus, als sei seit den 1960er-Jahren kein Tag vergangen. Sogar die Fahrräder, mit denen David und Sandrine ihre Wettrennen durch ihr Wohnviertel austragen, stammen aus dieser Zeit, die auch für das Gefühl von Leichtigkeit und Schwerelosigkeit mit allen damit verbundenen Hoffnungen steht. Doch wie lange lassen sich angesichts aktueller Ereignisse Ignoranz und Leichtigkeit aufrechterhalten?

Es ist schließlich Davids Tagträumerei, die ihm das Leben rettet. Er kommt zum vereinbarten Treffpunkt mit Sandrine, Léna und einigen Freunden zu spät und findet nur noch ein Schlachtfeld vor. Das Massaker zitiert die Anschläge vom 13. November 2015 in Paris, auf deren politische Abhandlung Hers aber verzichtet. David bleibt als nächstem Angehörigen ein halbes Jahr, über seine künftige Rolle als Vormund oder distanzierter Beobachter im Leben seiner Nichte eine Entscheidung zu treffen.

Mit dem dramaturgischen Kunstkniff, das Trauma des Anschlags zwischen dem nicht erwachsen werden wollenden Onkel und einer altklugen Siebenjährigen abzuhandeln, erreicht „Mein Leben mit Amanda” eine emotionale Tiefe ganz ohne Pathos. Dieses Kunststück verdankt sich vor allem Vincent Lacoste, der mit seinen Rollen als adoleszente Nervensäge zu einem Star des französischen Kinos geworden ist. (p. a.)

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