Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.09.2019


Kino

“Gut gegen Nordwind“: Virtuelle Worte auf der Leinwand

„Gut gegen Nordwind“ ist eine prominent besetzte Bestseller-Verfilmung mit eingebauten Hindernissen.

Leo (Alexander Fehling) und Emmi (Nora Tschirner) trennt hier nur ein Supermarktregal.

© Sony PicturesLeo (Alexander Fehling) und Emmi (Nora Tschirner) trennt hier nur ein Supermarktregal.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Einen Briefroman zu verfilmen, ist eine Herausforderung. Wenn es sich bei der Vorlage um einen Bestseller österreichischer Populärliteratur von Daniel Glattauer handelt, ist der Versuch unvermeidbar. Doch der Film „Gut gegen Nordwind“ kämpft mit der Schriftlichkeit seiner Geschichte.

Die Romanze beginnt banal: Ein falscher Buchstabe in der E-Mail-Adresse und die Zeitschriften-Abbestellung landet statt beim Verlag beim sprachgewandten Linguisten Leo Leike. Absenderin Emmi Rothner lässt nicht locker, und nach anfänglichem Geplänkel befinden sich die beiden schon bald in einer ausgewachsenen E-Mail-Beziehung.

Die anonyme Intimität unter Fremden schafft eine Nähe, die beide im analogen Leben vermissen. So hat Glattauer in seiner Romanze das neuzeitlich romantische Phantasma der rein asexuellen Liebe belebt, schicksalshaft unvermeidlich und geistig unschuldig zugleich.

Die Verfilmung und ihre Regisseurin Vanessa Jopp tun ihr Bestes, um die romantischen Sprachbilder zu Filmszenen werden zu lassen. Unmöglich ist das nicht, wie berühmte Beispiele, von „Gefährliche Liebschaften“ bis „E-m@il für Dich“, beweisen. Regisseurin Nora Ephron hat bereits 1998 die brandneue virtuelle Kommunikation mit literarischer Romantik aufgeladen.

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Zwei Jahrzehnte später haben nicht nur E-Mails an Faszination eingebüßt. Während Meg Ryan und Tom Hanks noch via AOL-Computer flirteten, sprechen Emmi und Leo ihre Botschaften nun per Spracherkennung ins Handy – vor dem unromantischen Hintergrund von Düsseldorf.

Jopp hätte sich von Screwball-Comedy-Meisterin Ephron einige Tricks abschauen können, um das Glattauer-Buch filmisch zu beleben. Leider verlässt sie sich allzu sehr auf die traurigen Worte ihrer beiden Hauptfiguren.

Verkörpert werden diese vom Feschak Alexander Fehling, kriegserprobt in Filmen wie „Inglourious Basterds“, und der charmanten Nora Tschirner (unerschütterlich nach Til-Schweiger-Filmen wie „Keinohrhasen“ oder der Romanze „SMS für Dich“).

Die beiden wirken glaubwürdig in ihrer Sehnsucht nach der nächsten Nachricht, haben aber außer ihrem Handy schauspielerisch wenig in der Hand: „Emmi ist meine Flucht. Ich will mir das nicht mit der Realität versauen.“

Doch daneben wirken Emmis und Leos Familienleben etwas fad, trotz netter Nebenfiguren wie Leos aufgedrehter Schwester Adrienne, gespielt von der großartigen Ella Rumpf („Tiger Girl“). Die Szenen dienen nur der Überbrückung bis zur nächsten E-Mail. Doch die filmische Liebe ist eben anders als die Wörter auf den Buchseiten. Da hilft dann auch die Sinnlichkeit Leonard Cohens mit „Who By Fire“ am Ende nichts.