Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.09.2019


Kino

„Ad Astra“ mit Brad Pitt: Im Weltraum-Dunkel des Herzens

Familienaufstellung mit Space-Piraten: Regisseur James Gray schickt Superstar Brad Pitt in „Ad Astra“ auf Geheimmission zum Neptun.

Sein Puls bleibt selbst beim Stratos-Sprung im Normalbereich: Brad Pitt als Stoiker auf dem Weg an den Rand des Sonnensystems.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Centfox</span>

© Sein Puls bleibt selbst beim Stratos-Sprung im Normalbereich: Brad Pitt als Stoiker auf dem Weg an den Rand des Sonnensystems.Foto: Centfox



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Zu den Sternen zieht es Filmemachende immer dann, wenn sie ihren Ambitionen freien Lauf lassen wollen. Und wenn sie sich mit ihren Figuren auf die Suche nach der menschlichen Seele machen. Die unendlichen Weiten des Weltraums sind auch immer die Tiefen der eigenen Psyche. Nun dürfen wir zusammen mit Regisseur James Gray und seinem Star Brad Pitt ins Innere von Astronaut Roy McBride schauen.

Dass sein Puls auch in Extremsituationen nie über 80 gestiegen sein soll, sagt schon einiges aus über diesen Weltraum-Stoiker. Für den inzwischen 55-jährigen Brad Pitt ist dies – nach seinem glorreichen Auftritt in Tarantinos „Once Upon a Time ... in Hollywood“ – die zweite große Rolle des Kinojahres. Roy McBride hat zwar eine Frau auf der Erde. Im Film taucht sie aber fast nur in sehnsüchtigen Erinnerungen auf. Liv Tyler hat einen denkbar undankbaren Kurzauftritt. Auch wenn die Themen durchaus universell sein mögen: „Ad Astra“ ist ein Männerfilm. Wenn auch einer, der sich der Frage der Männlichkeit und Verletzlichkeit stellt. Nur die charismatische Ruth Negga zeigt als Kommandantin der Mars-Basis, dass auch Kleinst­rollen starken Eindruck hinterlassen können. Donald Sutherland ist dagegen als wunderlicher Astronauten-Onkel spürbar unterfordert. Er hilft Roy McBride auf einer Geheimmission Richtung Neptun. Dort verloren sich einst die Spuren von Roys Vater, der Weltraum-Pionier Clifford McBride ist verschollen. Tommy Lee Jones beweist in diesem Part Actor-Alchemie: Er macht aus fast nichts sehr viel. Als bärtiger Einsiedler schickt er, der einst nach Leben am Neptun suchen sollte und für den daheimgeblieben Buben zur mit Heldengeschichten gefüllten Leerstelle wurde, kryptische Botschaften gen Erde. Warnungen vor einer drohenden Katastrophe? So weit das Grundgerüst dieser 123-minütigen Reise an die Grenzen des Sonnensystems und ins Zentrum eines Vater-Sohn-Traumas.

„Ad Astra“ ist ein anspruchsvolles Projekt. Das lässt allein schon der lateinische Titel vermuten. Autor und Regisseur James Grey steht damit nicht nur in der Tradition der Science-Fiction-Filmgeschichte. Er bedient sich so sehr bei älteren und neueren Vorbildern, dass der Filmgenuss bisweilen zum Suchbild-Rätsel ausartet. Der actionreiche Einstieg samt Stratosphären-Sprung zurück zur Erde ist „Gravity“ mit einer Prise Felix Baumgartner. Der grüblerische Einzelgänger im ruckelnden Raumschiff könnte ebenso gut Ryan Goslings Neil Armstrong in „First Man“ sein. Die Begegnung der Generationen bedient sich bei Nolans „Interstellar“, bei dem ebenfalls Kameramann Hoyt Van Hoytema majestätische Weltraum-Bilder auf analoges Material bannte. Die Reise zum Neptun via Mond und Mars ist eine „Space Odyssey“, freilich mit vielschichtigeren Figuren als bei Kubrick. Selbst eine gar nicht lächerliche Verfolgungsjagd auf der dunklen Seite des Mondes mit Space-Piraten bedient sich unübersehbar beim roten Staub Australiens in „Mad Max: Fury Road“. Und dann ist da natürlich auch noch der Überfilm aller ambitionierten Psycho-Science-Fiction, Tarkowskis „Solaris“, der sich in Roys vielen Voice-over-Selbstgesprächen bemerkbar macht: „I will focus on the essential at the exclusion of all else.“

James Grey baut all diese fremden Elemente dann doch zu einem halbwegs eigenen Film zusammen, zwischen allzu erklärender Mainstream-Action-Story und unsicher-verletzlichem ernstem Psychogramm. Scheitern und Erfolg liegen hier eng beisammen. Grey selbst hat seine Geschichte mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ verglichen. Am Ende ist „Ad Astra“ eine durchaus ambitionierte Reise ins Weltraum-Dunkel des Herzens.

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