Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 24.09.2019


Dokumentarfilm

„Bewegung eines nahes Bergs“: Von Eisenerz und Autohändlern

Der Film „Bewegung eines nahes Bergs“ handelt, ohne es explizit anzusprechen, von der globalisierten Zweitverwertung zwischen Erster und Dritter Welt.

Der gebürtige Nigerianer Clifford Agu schlägt sich in der steirischen Provinz mit dem Recycling von Gebrauchtwagen durch.

© Der gebürtige Nigerianer Clifford Agu schlägt sich in der steirischen Provinz mit dem Recycling von Gebrauchtwagen durch.



Innsbruck – Der steirische Erzberg bewegt sich im Film „Bewegung eines nahes Bergs“ von Sebastian Brameshuber nicht. Brameshuber interessiert sich in seinem meditativen Dokumentarfilm vielmehr für das andere Ende der Eisen-Verwertungskette in Form von schrottreifen Autos. In unmittelbarer Nähe des größten Eisenerztagbau­s Europas hat er den Altautohändler Clifford Agu gefunden, den er ins Zentrum seiner Doku stellt. Ihn begleiten Brameshuber und Kameramann Klemens Hufnagl in ruhigen Bildern bei seiner Tätigkeit zwischen Reparieren und Abmontieren. Was nicht vor Ort zu verkaufen ist, nach Ungarn oder Rumänien zum Beispiel, wird in Cliffs erste Heimat Nigeria verschifft. Der Film handelt so, ohne es explizit anzusprechen, von der globalisierten Zweitverwertung zwischen Erster und Dritter Welt.

Allerdings: Der Film kümmert sich kaum um die Vermittlung von Informationen. Man erfährt wenig über das eigentliche Thema. Die Diagonale verstieg sich im Frühjahr sogar dazu, den Film in ihrer Spielfilm-Sektion zu zeigen. Beim Filmfestival Ciném­a Du Réel im Pariser Centre Pompidou hingegen wurde „Bewegungen eines nahen Bergs“ als Dokumentarfilm mit dem renommierten Hauptpreis ausgezeichnet.

Brameshuber kümmert die Gattungsfrage kaum. Er wollte einen Film über Clifford machen, „weil mich sein Optimismus, sein starkes Freiheitsgefühl und seine Selbstachtung, die er trotz seiner unsicheren Situation an den Tag legt, sehr beeindruckt haben“.

„Bewegung eines nahen Bergs“ ist nach „Und in der Mitte, da sind wir“ und „Of Stains, Scrap and Tires“ der dritte Film des Regisseurs, der in die steirische Provinz führt. Bereits in „Of Stains, Scrap and Tires“ war auch Clifford mit von der Partie. In einer der eindrücklichsten Szenen des neuen Films erzählt dieser die berühmte Eisenberg-Legende – einmal auf Deutsch, dann in seiner Muttersprache Igbo. Die Entdeckung des Eisens gehe auf das Versprechen eines gefangenen Wassermanns zurück. Der bot für seine Freiheit: „Gold für einen Atemzug, Silber für ein Menschenleben oder Eisen für immer.“

Tatsächlich ist das Ende des Erz-Vorkommens im Berg inzwischen absehbar. Die daraus gefertigten Autoteile landen jedenfalls im fernen Nigeria, wo sich auch der Film am Ende auf die Suche nach Eindrücken macht. (maw)