Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.09.2019


Kino

„Distelfink“: Ein gefesselter Vogel unter Schutt und Asche

In der Kinoadaption von Donna Tartts Meisterwerk „Distelfink“ wird aus der Erzählung über ein nationales Trauma ein larmoyanter Thriller.

Nicole Kidman kümmert sich als Samantha Barbour vorübergehend um den verstörten Theo (Oakes Fegley).

© WarnerNicole Kidman kümmert sich als Samantha Barbour vorübergehend um den verstörten Theo (Oakes Fegley).



Von Peter Angerer

Innsbruck – Es macht wenig Sinn, durch ein Museum zu hetzen, nur um bei der Jagd nach Schauwerten den Gegenwert der Eintrittskarte abzuarbeiten. Kenner entwerfen als Hedonisten der Kunst ein feines Tagesmenü, soll der Augenschmaus den Betrachter, die Betrachterin sättigen.

„Das ist ungefähr das erste Bild, das ich jemals wirklich geliebt habe“, sagt Theodore Deckers Mutter in Donna Tartts preisgekröntem Roman „Distelfink“. Im Gemälde von Carel Fabritius sitzt der bunte Vogel mit einer Kette gefesselt auf einer Stange. Es ist ein trauriges Bild, verknüpft es doch die Symbole fröhlicher Freiheit und bitterer Vergeblichkeit. Hinter dem Bild versteckt sich noch eine weitere Tragik, war der Distelfink doch die letzte Arbeit von Carel Fabritius, bevor er 1654 bei einer Explosion in der benachbarten Schießpulverfabrik ums Leben kam.

Als die Mutter noch einen Blick auf Rembrandts Anatomiestunde werfen möchte, explodiert im Metropolitan Museum eine Bombe. Die kleine Abweichung kostet die Mutter das Leben, während Theo, unter Asche begraben, das Vogelporträt in seine Tasche schieben und als Schatten das Gebäude verlassen kann. Auf 1022 Seiten ließ Tartt den Kunstdieb das Geheimnis bewahren, das sein weiteres Schicksal bestimmt und wie eine Fußfessel jeden Schritt behindert. Das Meisterwerk über ein nationales und persönliches, für einen Dreizehnjährigen kaum zu stemmendes Trauma wurde 2014 ein weltweiter Bestseller und weckte die Begehrlichkeiten Hollywoods und Amazons. Den Zuschlag erhielten schließlich der irische Regisseur John Crowley („Brooklyn“) und der britische Drehbuchautor Peter Straughan, der so unterschiedliche Adaptionen wie die Militärsatire „Männer, die auf Ziegen starren“ oder den Thriller „Dame, König, Ass, Spion“ lieferte. Um sich der ausschweifenden Geschichte Tartts zu bemächtigen, kommt „Distelfink“ im Kino als Thriller mit Rückblenden daher.

In einem Amsterdamer Hotelzimmer reinigt Theo (Ansel Elgort) sein Hemd von Blutspuren und seine Seele von Schuldgefühlen. Er erinnert sich an die in Albträumen immer wiederkehrende Detonation und wie er als verstörtes Kind (Oakes Fegley) herumgereicht wurde. Aus der behüteten Umgebung der von Samantha Barbour (Nicole Kidman) dirigierten Park-Avenue-Familie entführt ihn sein Vater (Luke Wilson), ein Spieler und Säufer, nach Las Vegas. Unter der Anleitung des ukrainischen Mitschülers Boris (Finn Wolfhard) lernt Theo Selbstbehauptung und leichte kriminelle Übungen.

Zurück in New York darf Theo unter der Aufsicht des Restaurators Hobie (Jeffrey Wright, der ruhende Pol des Films), endlich Kind sein. Als Erwachsener wird er zum Meisterfälscher antiker Möbel. Das von FBI, Gangstern und gierigen Sammlern gesuchte Gemälde lungert, (vielleicht) gefangen wie die Kreatur in Ketten, noch immer in einem Versteck.

Auf absurde Weise liegt auch über der Filmadaption diese ausweglose Vergeblichkeit, die jeden Versuch, sich aus der monumentalen Asche zu erheben, im Keim erstickt. Dazu kommen einige Fehlentscheidungen bei der Besetzung, wenn etwa Ansel Elgort die Larmoyanz des Erzählers auf die Spitze treibt.




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