Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.10.2019


Film

“Refugee Lullaby“: Von einem, der auszog zu helfen

Hans Breuer singt arabischen Flüchtlingen jiddische Lieder vor. Die Doku „Refugee Lullaby“ von Ronit Kertsner porträtiert den Humanisten.

Hans Breuer ist Schäfer, Flüchtlingshelfer sowie Musiker mit seiner Band “WanDeRer”.

© PolyfilmHans Breuer ist Schäfer, Flüchtlingshelfer sowie Musiker mit seiner Band “WanDeRer”.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Ein Schäfer wird bisweilen zur symbolischen Figur, nicht nur in der Bibel. Auch der Wanderhirte Hans Breuer ist eine Symbolfigur, jedoch durch konkrete Hilfe für Flüchtlinge. Ihm widmet sich nun die Doku „Refugee Lullaby“.

Die israelische Filmemacherin Ronit Kertsner wurde durch ein YouTube-Video auf Hans Breuer aufmerksam. Darin singt er im Auto jiddische Lieder für die arabischen Flüchtlinge, die er an der ungarischen Grenze abholt. Aus dieser Szene entwickelt Kertsner das Porträt eines Menschen, der von der Menschlichkeit getrieben ist.

Das ungewöhnliche, bescheidene Aussteiger-Leben des Schäfers mit seiner jungen Familie in einem Wohnwagen ist nicht im Fokus des Films. Über seine Herkunft aus einer jüdisch-kommunistischen Familie, die er mit seiner ebenfalls zivilgesellschaftlich engagierten Schwester teilt, erzählt Hans Breuer aber ausführlich.

An die Mutter, eine Widerstandskämpferin, erinnern Ausschnitte aus der österreichischen Doku „Küchengespräche mit Rebellinnen“ von 1984. Hans Breuer stellt sich auf seine eigene humanistische Weise dieser Herkunft: „Als ich mit der Hilfe für Flüchtlinge anfing, hatte ich das Gefühl, dass ich mich mein ganzes Leben auf diesen Moment vorbereitet hatte.”

Die Vergangenheit seiner Familie führte ihn zur jiddischen Sprache und Musik, die er spät für sich entdeckte und sich selbst beibrachte. Die Lieder handeln von Flucht und Vertreibung, aber nicht nur. Der jüdisch-arabische Konflikt, den der Film in den musikalisch-menschlichen Begegnungen anklingen lässt, wird dann aber als Thema nicht weiterverfolgt. Das ist schade, weil der Humanismus hier eine spannende Herausforderung erlebt. Gleichzeitig unterläuft Ronit Kertsner damit auch die Erwartungen, die sie selbst erzeugt.

Als persönliche Perspektive auf die Fluchtbewegungen unseres Jahrzehnts ist es ein wunderbarer Blick auf die Helfenden-Szene, die sich 2015 in Österreich und ganz Europa entwickelte. Kertsners außereuropäische Perspektive auf einen einzelnen Menschen befreit den Film jedoch davon, eine weitere Flüchtlings-Reportage zu sein. Sie lässt ihren Helden erzählen und folgt ihm in seinen Begegnungen. Der Optimismus von Hans Breuer und von seinen Liedern ist jedenfalls ansteckend.