Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.10.2019


Premiere

Gemini Man: Will Smith glänzt als digitaler Doppelagent

Oscar-Preisträger Ang Lee erzählt in „Gemini Man“ technisch ambitioniert eine allzu normale Action-Geschichte mit Will Smith in einer Doppelrolle.

Will Smith verdoppelt sich: In „Gemini Man“ kämpft er gegen sein jüngeres Ich, das mit Computerhilfe ebenfalls von ihm selbst gespielt wird.

© ConstantinWill Smith verdoppelt sich: In „Gemini Man“ kämpft er gegen sein jüngeres Ich, das mit Computerhilfe ebenfalls von ihm selbst gespielt wird.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Doppelgänger sind wahrlich keine Erfindung des modernen Kinos. Im digitalen Zeitalter des Films eröffnen sich jedoch neue visuelle Möglichkeiten. In „Gemini Man“ probiert Oscar-Regisseur Ang Lee zusammen mit Will Smith aus, wie sich damit eine Action-Story erzählen lässt.

Elite-Auftragskiller Henry Brogan (Smith) ist schon in Rente. Doch dann holt ihn die Vergangenheit ein. Nicht erst seit Edward Snowden wissen wir: Mit US-Geheimdiensten ist nicht zu spaßen. Geheime Forschungsprogramme und böswillige Beamte sind 08/15-Zutaten des Genres. Die eigene Regierung hetzt Henry ausgerechnet sein jüngeres Ich auf die Fersen, ebenfalls von einem verjüngten Will Smith gespielt.

Hier setzt die Meta-Erzählung von „Gemini Man“ an, die weitaus interessanter ist als das flache Drehbuch. 2019 sind wir dem Phantasma realistischer künstlicher Schauspieler näher als je zuvor. Singende Tiere (in den Neuauflagen des „Dschungelbuchs“ und in „König der Löwen“) kennen wir schon. Nun erleben wir einen 51-jährigen Will Smith, der gegen einen 23-jährigen kämpft. Anders als noch im Sci-Fi-Flop „After Earth“ spielt er hier also nicht an der Seite seines leibhaftigen Sohnes Jaden Smith.

Mittels „Facial Motion Capturing“ spielt Smith beide Rollen selbst, auch als sein eigenes Gegenüber in einer Einstellung. Ohne Vorwissen wundert man sich über eine so täuschend ähnliche Besetzung. Ang Lee versucht, die Hintergrundgeschichte dieser tragischen Doppel-Identität glaubhaft auszubalancieren. Warum dafür keine besseren Drehbuchschreibenden ins Boot geholt wurden, bleibt bei einem Budget dieser Größe rätselhaft.

Immerhin sorgen die charismatische Mary Elizabeth Winstead als junge Agentin an der Seite von Will Smith und Benedict Wong als Comic-Relief-Kampfgefährte für Abwechslung. Clive Owen als Oberbösewicht hat dagegen wenig fantasievolles Material zur Verfügung.

Der taiwanesische Hollywood-Export Ang Lee ist bisher eher mit Gefühlskino berühmt geworden, zweifach Oscar-prämiert für „Brokeback Mountain“ und „Life of Pi“. In Letzterem bewies er, dass Technik auch einer intelligenten Story dienen kann. Und in seinem opulent-traurigen Meisterwerk „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ erzählt er neben der eleganten Schönheit des Kampfes problemlos eine wunderbare Doppel-Liebesgeschichte.

Diesmal trifft der Allround-Regisseur jedoch auf einen alten Monolithen des Standard-Action-Kinos namens Jerry Bruckheimer („The Rock“, „Enemy of the State“). Bei diesem Garant für Bombastisches erstaunt eher, wie viel Platz für leise Momente er Ang Lee zwischen den Kampfszenen gelassen hat.

„Gemini Man“ ist, zusätzlich zur Doppelgänger-Computertechnik, auch der erste Film seit der Hobbit-Trilogie, der hierzulande mit höherer Frame-Rate als den üblichen 24 Bildern pro Sekunde im Kino projiziert wird. Das soll die 3D-Aufnahmen flüssiger und angenehmer machen, ist jedoch für die an Bewegungsunschärfe gewöhnten Kinoaugen bisweilen noch seltsam anzuschauen.

Bei all diesem technischen Anspruch und Talent vor und hinter der Kamera hinkt leider das gute alte Scriptwriting hinterher. Ein passabler Actioner ist „Gemini Man“ aber allemal.