Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.10.2019


Kino

Der weiße Clown von Gotham City: Der “Joker“ kommt ins Kino

„Joker“ von Todd Phillips ist der polarisierendste Film der Saison. Der Gewinner des Goldenen Löwen ist verstörend unterhaltsam und evoziert nebenbei ein kaputtes Amerika unter Trump.

Joaquin Phoenix brilliert im preisgekrönten Film in der Rolle des Arthur Fleck alias Joker.

© WarnerJoaquin Phoenix brilliert im preisgekrönten Film in der Rolle des Arthur Fleck alias Joker.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – „Is it just me or is it getting crazier out there?“ Das fragt sich der spätere Joker zu Anfang noch. Und auch wer auf dem Weg ins Kino einen Blick auf die Politik-Schlagzeilen wirft, ist geneigt, die Welt „da draußen“ für verrückt zu erklären. Regisseur Todd Phillips liefert damit den Schlüssel seines Dramas, das seit der Festival-Premiere in Venedig für Furore sorgt, denn in „Joker“ werden beide zusammen verrückt. Wie die Welt da draußen schließlich mit der Welt in seinem Kopf zusammenhängt, ist die spannende Frage, die „Joker“ antreibt.

Schon der Einstieg verrät uns alles über den Protagonisten Arthur Fleck: Vor dem Spiegel sitzend, versucht er sich mit Clown-Make-up ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Vergebens, er bleibt ein trauriger weißer Clown. Dafür spielt Joaquin Phoenix ihn phänomenal körperlich, in sich zurückgezogen und mit unheimlichen Lachausbrüchen. Sein abgemagerter Außenseiter mit Standup-Comedy-Ambitionen ist dabei ebenso zum Scheitern verurteilt wie die Moral der Stadt um ihn herum. Wenn Arthur als Clown auf der Straße von Jugendlichen verprügelt wird, ist das nur die Ouvertüre der Erniedrigung, die sich im Verlauf der 122 Filmminuten unerbittlich steigert, begleitet vom wuchtig-düsteren Streicher-Soundtrack der Isländerin Hildur Guðnadóttir („Sicario 2“).

Ihr Score und die Gewalt-Kaskade, die Arthurs Leben begleiten, täuschen das Thriller-Genre aber nur vor; der Film bleibt in Wahrheit bis zum Ende ein tragisches Charakter-Drama auf den stilistisch-charakterlichen Spuren von Martin Scorseses „Taxi Driver“. Noch viel unverhohlener integrieren Phillips und sein Co-Autor Scott Silver eine Hommage an Scorseses „King of Comedy“, samt Robert DeNiro, nun in der Rolle eines berühmten Talkshow-Hosts, den Arthur Fleck als Vaterersatz verehrt. Travis Bickle und Rupert Pupkin vereinen sich also zum Joker.

Allen dumpfen Vorurteilen zum Trotz, die einem amerikanischen Comic-Film entgegenschlagen, liefert Todd Phillips’ „Joker“ nur nebenbei die so genannte „Origin Story“ des Batman-Gegenspielers. Zumindest die Arthouse-Jury des Venedig Filmfestivals ließ sich davon nicht täuschen und verlieh ihm den diesjährigen Goldenen Löwen. Denn hinter der Genre-Maske scheint, nur wenig überschminkt, ein radikal subjektives Psychogramm durch. Der Film wagt dabei eine Schuldumkehr, die ebenso problematisch wie politisch brisant gelesen werden kann. Wer sich jedoch zu weit auf die Behauptungen von „Joker“ einlässt, übersieht dessen konsequent subjektive Perspektive, bis hin zu komplett imaginierten Szenen, etwa mit Arthurs cooler Nachbarin (vor Energie sprühend: Zazie Beetz).

Doch auch ohne positive Gegenfigur (Batman Bruce Wayne ist noch ein Kind): Der Antiheld ist, aus der Distanz betrachtet, diesmal wirklich Antiheld; einer, der als bemitleidenswerter Zweifler startet und als gefährlicher Mörder endet. Keine Läuterung, keine Katharsis, kein versehentliches Welt-Retten.

Die retro-dystopische Welt von „Joker“ ist ohnehin nicht mehr zu retten. Die 99 % organisieren zwar gerade klassenkämpferische Proteste in Clownsmasken gegen die turbo-kapitalistische Wallstreet-Oligarchie. Doch Gotham City ist auch das dreckige New York der frühen 80er, als Donald Trump gerade mit seinem Tower auf der Bildfläche erscheint. Im Film ist der Millionär Thomas Wayne (Brett Cullen) mit populistisch-politischen Ambitionen sein heutiges Spiegelbild. Während der Joker bereits unterwegs ist in seine ganz persönliche, gewalttätige Fantasiewelt: „I used to think that my life was a tragedy. But now I realize, it’s a comedy.“