Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.10.2019


Kino

“Gisaengchung - Parasite“: Klassenkampf im Keller des Kapitalismus

Der Gewinner der Goldenen Palme 2019 ist eine bitterböse Komödie über Oben und Unten in einer Gesellschaft.

Kellerzimmer mit düsterer Aussicht. Die Wohnung von Familie Kim eröffnet einen Blick auf den kapitalistischen Klassenkampf.

© FilmladenKellerzimmer mit düsterer Aussicht. Die Wohnung von Familie Kim eröffnet einen Blick auf den kapitalistischen Klassenkampf.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Die Aussicht aus dem Kellerfenster der Familie Kim entspricht ihrer sozialen Stellung: ganz unten in der Kette des koreanischen Turbokapitalismus. Ungeziefer in der Wohnung und Betrunkene, die sich vor ihrem Unterschlupf erleichtern, sind da noch das geringste Problem. Vater Ki-taek und Mutter Chung-sook sind arbeitslos, die Familie schlägt sich mit Mini-Jobs wie dem Falten von Pizzaschachteln durch.

Doch die Kims sind erfinderisch. Als Sohn Ki-woo durch einen Freund als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie Park vorgeschlagen wird, ist das Uni-Abschlusszeugnis schnell selbst angefertigt. Es geht ums Überleben und eigentlich ist es ja nur ein Vorgriff auf die mögliche erfolgreiche Zukunft. Bald ist auch Schwester Ki-jung als vermeintliche Kunst-Therapeutin bei den Parks engagiert. Nach und nach drehen die Kims den Spieß um und machen die Reichen von sich abhängig. Die vier Underdogs kennen auf dem Weg nach oben kein Pardon. Das schicke Ehepaar Park mit seinen verwöhnten Kindern weiß nicht, wie ihm geschieht. Ihre luxuriös-moderne Villa samt Keller wird zum symbolischen Angelpunkt der Geschichte.

Joon Ho Bong hat mit „Gisaengchung (Parasite)“ eine kurzweilige, bissige Kapitalismus-Komödie inszeniert, die sich immer weiter ins Bösartige steigert, inklusive ordentlicher Überraschungen. Zuletzt war er mit der flotten Netflix-Produktion „Okja“ bereits in locker-absurden Gefilden unterwegs. In seinem grimmig-kalten Dystopie-Actioner „Snowpiercer“ von 2013 nutzt er ebenso wie im aktuellen Film überdeutliche Symbolik für das gesellschaftliche Oben und Unten.

„Parasite“ ist aber weit weniger Genre-lastig, mit nur einem Hauch von Thriller gegen Ende und viel schwarzer Komödie. Die Bilder überlassen es der Geschichte, die Spirale dieser Farce weiterzutreiben, bis hin zu einer großen Überschwemmung und einem konsequenten Finale.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Dass die Gesellschaftskritik dabei nicht plump wird, ist dem treffsicheren Witz und den durchaus liebevollen Figuren zu verdanken. Anders als im japanischen Palmen-Gewinner „Shoplifters“ von 2018 ist die Außenseiter-Familie hier jedoch eindeutig im selbstorganisierten Klassenkampf gegen die Superreichen. Die Wiener Philosophin Isolde Charim schrieb kürzlich, es gebe „eine Sezession der Reichen“, ihre Finanz-Flucht zersetze die gesamte Gesellschaft. So gesehen ist die reiche Familie Park wohl der erste Parasit, der sich am Gemeinwohl satt frisst.

Doch Joon Ho Bong macht es sich nicht so einfach, die Moral nur simpel auf die Waagschale ausgleichender Gerechtigkeit zu legen. Der Film sei „eine Komödie ohne Clowns und Tragödie ohne Bösewichte“. Und: „Wir leben in einer Zeit, in der Kapitalismus die herrschende Ordnung ist und wir keine Alternative haben. Nicht nur in Südkorea, sondern auf der ganzen Welt. Der einzige Fall, in dem ein Aufeinandertreffen zwischen den Klassen stattfindet, ist ein Arbeitsverhältnis, in dem beide Klassen sich so nahe kommen, dass sie sogar den Atem des anderen spüren.“

Für die Leichtigkeit seiner schonungslosen Klassenkampf-Farce bekam Joon Ho Bong in Cannes verdient die Goldene Palme 2019.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

In den Anden auf fast 4000 Metern beginnt Alejandro Landes seinen Film „Monos“. Dann geht’s tief in den Dschungel.Kino
Kino

„Monos“: Greller Fiebertraum im grünen Dschungel

Alejandro Landes erzählt in „Monos“ von einer Gruppe jugendlicher Kämpfer im Guerilla-Krieg. Der intensivste Film dieses Kinojahres.

kino
1994 wurden Matthew Perry, Jennifer Aniston, David Schwimmer, Courtney Cox, Matt LeBlanc und Lisa Kudrow mit "Friends" zu Stars.Kult-Serie
Kult-Serie

Alle Serien-Stars an Bord: „Friends“-Reunion ist in der Mache

Sie waren viel in den Schlagzeilen in jüngerer Vergangenheit – seit dem Instagram-Debüt von Jennifer Aniston sind auch ihre Co-Stars aus „Friends“ gefragt wi ...

kino
"Polanski Vergewaltiger" steht auf dem Spruchband einer Demonstrantin.Frankreich
Frankreich

Nach Vorwürfen gegen Polanski Filmpremiere verhindert

Dutzende Frauen blockierten am Dienstagabend den Zugang zu einem Filmtheater in Paris. Die französische Fotografin und Schauspielerin Valentine Monnier wirft ...

Ein Obergewerkschafter (Al Pacino) und sein Mann fürs Grobe (Robert De Niro). Martin Scorseses „The Irishman“ kommt diese Woche ins Kino. Ende des Monats startet er auf Netflix.Kino/Streaming
Kino/Streaming

Al Pacino und De Niro in „The Irishman“: Von Altersmilde keine Spur

Die Gangster von einst fürchten die Dunkelheit: Martin Scorsese blickt in „The Irishman“ mit seiner Filmfamilie zurück auf sechs Jahrzehnte Mafia-(Film-)Gesc ...

Durch Zukäufe hat Disneys Streamingdienst eine große Programmauswahl.Streaming
Streaming

Disneys Streamingdienst startete mit technischen Problemen

Einige Kunden beklagten sich am Dienstag über Schwierigkeiten beim Einloggen oder beim Zugriff auf einzelne Inhalte oder Funktionen.

kino
Weitere Artikel aus der Kategorie »