Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.10.2019


Film

Kinosatire: Ehrliche Politiker als sizilianischer Alptraum

„Ab heute sind wir ehrlich“, eine Kinosatire über das System Berlusconi.

Das Komiker-Duo Salvatore Ficarra (unten) und Valentino Picone als zerrissenes Brüderpaar in „Ab heute sind wir ehrlich“.

© PolyfilmDas Komiker-Duo Salvatore Ficarra (unten) und Valentino Picone als zerrissenes Brüderpaar in „Ab heute sind wir ehrlich“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Um seinen Humor zu demonstrieren, stellte der Medien- und Politmogul Silvio Berlusconi dem Regisseur Paolo Sorrentino seine Villa auf Sardinien für dessen Film „Loro“ zur Verfügung, in dem nichts weniger verhandelt wurde als die moralische Verkommenheit des politischen Systems Berlusconi. In einer der denkwürdigsten Szenen versucht der von Toni Servillo gespielte Politiker eine Annäherung an ein Starlet, um von der Verbitterung im Exil erotisch abgelenkt zu werden. Doch das Mädchen ekelt sich vor dem Mundgeruch des Mächtigen. Es ist die Haftcreme für die Zahnprothese, die an den Großvater erinnert und so Ekstase und Karriere in einem von Berlusconis TV-Kanälen verhindert.

Das sizilianische Komiker-Duo Salvatore Ficarra und Valentino Picone hat es dagegen geschafft: Berlusconis Firma Medusa hat ihre Kinosatire „Ab heute sind wir ehrlich“ produziert und in Italien vertrieben. Ihr Film beginnt mit dem legendä­ren Berlusconi-Grinsen. Die gefletschten Zähne gehören dem Bürgermeister (Tony Sperandeo), der Pietrammare mit weit geöffneter Hand regiert. Es gibt weder Polizei noch Müllabfuhr. Das nahe Chemiewerk verlangt Todesopfer, kriminelle Günstlinge des Dauerlächlers haben die öffentlichen Plätze erobert. Schwarzbauten an den schönsten Strandplätzen am Meer werden amnestiert. Aber irgendwann ist angesichts stinkender Müllberge und labyrinthischer Verzweigungen der Korruption aus Pietrammare eine zerrissene Stadt geworden.

Die Verhältnisse trennen auch die Brüder Salvo (Ficarra) und Valentino (Picone), die ein (illegal gebautes) Café betreiben. Während Salvo als Parteigänger des Bürgermeisters auf mehr kriminelle Energie setzt, unterstützt Valentino den Lehrer Natoli (Vincenzo Amato), in dessen Biografie es keinen dunklen Punkt gibt. Da Gier und Verkommenheit auf die Dauer anstrengend sein können, versuchen es die Bürger mit Ehrlichkeit und Natoli. Erstmals ist die Stadt in ihrer Schönheit zu bewundern, aber was soll dieses Dreckszeug aus Abfallgebühren und Grundsteuern? Der ehrliche Politiker wird zum Albtraum.

Ficarra und Picone, die auch am Drehbuch mitgeschrieben haben, machen in ihrem sizilianischen Fresko fast alles richtig, wenn sie am Ende das System Berlusconi triumphieren lassen. Leider führen sie auch Regie und konzentrieren sich eher auf ermüdenden Slapstick.