Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.10.2019


57. Viennale

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“: Flammende Blicke in die Welt

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ eröffnet heute Abend die 57. Viennale. Das Festivalprogramm ist ebenso reichhaltig wie unübersichtlich.

Malerin Marianne (Noémie Merlant) erkennt ihr Modell Héloïse (Adèle Haenel) in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma. Ab 13. Dezember im Kino.

© ViennaleMalerin Marianne (Noémie Merlant) erkennt ihr Modell Héloïse (Adèle Haenel) in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma. Ab 13. Dezember im Kino.



Von Marian Wilhelm

Wien – Eröffnungsfilme sind ein unmögliches Genre. Repräsentativ und doch herausragend, angenehm und auch anspruchsvoll sollen sie sein, sozusagen die eierlegende Wollmilchsau eines Festivalprogramms. Mit dem diesjährigen Opener hat Viennale-Chefin Eva Sangiorgi ein gutes Händchen bewiesen. „Portrait de la jeune Fille en Feu“ ist kein gefälliger Blockbuster, aber einer der Arthouse-Hits des diesjährigen Cannes-Filmfestivals: eine unmögliche Liebesgeschichte zwischen der Malerin Marianne (Noémie Merlant) und ihrem Modell Héloïse (Adèle Haenel). Zusammen mit ihren beiden großartigen Darstellerinnen entwirft Regisseurin Céline Sciamma ein an sich kleines, trockenes Sujet mit großen verführerisch-intensiven Bildern; und in einem hypnotisch-langsamen Tempo, das gleich zum Auftakt der zweiwöchigen Festival-Hektik eine eigene Ruhe entgegensetzt. Auch das fremde Setting des 18. Jahrhunderts funktioniert perfekt als Spiegel aktueller feministischer Frage- und Rufezeichen, am Beginn eines immer noch allzu männerlastigen Viennale-Programms. Lediglich 18 Prozent der Hauptauswahl kommen von Regisseurinnen.

Im Eröffnungsfilm kommen Männer nur in den ersten paar Minuten vor, als sie Marianne mit ihren Utensilien am Strand der wilden Insel vor der Bretagne absetzen. Danach entwickelt sich eine reduzierte Amour fou zweier Frauen. Die Freiheit des Feuers von Héloïse wird bald im Gefängnis der Ehe erlöschen. Die zärtlich aufblühende Leidenschaft mit Marianne auf der Insel steht also bereits unter heraufziehenden dunklen Wolken. Vor dem klassisch-wilden Hintergrund der Atlantik-Küste fokussiert Céline Sciamma auf eine kurze Begegnung, bei der das gegenseitige „Erkennen“ eine zärtlich-biblische Bedeutung bekommt. Marianne erkennt Héloïse nur für einen flüchtigen Moment, doch lang genug, um ihn auf die Leinwand zu bannen. Mit ihrem filmischen Blick ist Sciamma die unsichtbare Dritte im Bunde und spiegelt sich zugleich in der Künstlerin Marianne und ihrer malenden Beobachtung der jungen Frau Héloïse. Am Ende steckt im Porträt vielleicht mehr von der Malerin selbst und beide jungen Frauen stehen in Flammen.

Marianne und Héloïse sind nicht die einzigen starken Frauenfiguren im weiten Land des Viennale-Programms, von Hongkong („No.7 Cherry Lane“) bis zur Ukraine („Atlantis“). Auch der männliche Regisseur Pablo Larraín hat mit seinem in Venedig präsentierten Film „Ema“ eine faszinierend schillernde Frau im Blick. Auch sie steht in Flammen und hat dabei im Chile der Gegenwart den Flammenwerfer gleich selbst in der Hand.

„Martin Eden“ dagegen ist ein männliches Pendant zu „Ema“, das sich mit der Kraft der Literatur durch die italienische Geschichte kämpft. Die Literaturverfilmung ist zugleich der Abschlussfilm von Sangiorgis zweiter Viennale, die auch heuer wieder an bunter Unübersichtlichkeit leidet. Davor steht aber noch ein zweiwöchiger Festivalreigen mit so vielen Highlights, dass bisweilen die spannenden Kontraste untergehen. Die giftgrüne Schlange des heurigen Viennale-Plakats steht somit auch für eine überfordernde filmische Versuchung.

Nebenprogramm

Special. Auch abseits des Hauptprogramms brennen die Viennale-Filme: „Brasilien entflammt! Eine Roadmap des brasilianischen Kinos“ nennt sich ein Special, das mit unbeabsichtigter Anspielung auf den brennenden Amazonas das zeitgenössische politische Kino des Landes von den 70ern bis zur Ära des faschistischen Präsidenten Bolsonaro in den Blick nimmt.

Personalen. Insgesamt sechs Personalen widmen sich Peter Brook, Angela Schanelec (beide kommen nach Wien), Sílvia Das Fadas, Ela Eddine Slim, Pierre Creton und Cecilia Mangini.

Historisches. „Re-writing History through cinema“ nennt sich ein Programm zum kritischen Kino, das sich auch als aktivistisches Instrument begreift. Auch hier schlagen die Flammen aus der Leinwand, in der Mockumentary „Born in Flames“.

Filmarchiv. Weit zurück reicht „Der weibliche Blick“ des Filmarchivs Austria in seiner Retrospektive der österreichischen Film-Pionierin Louise Kolm-Fleck, die in der Frühzeit des Kinos bis über die 20er-Jahre hinaus in Wien das größte Filmstudio Europas managte und hier mit neuen Restaurierungen und Live-Musik wiederentdeckt wird.

Filmmuseum. Das Österreichische Filmmuseum fasst mit „O Partigiano!“ aus pan-europäischer Perspektive das vergessene Genre des Partisanenfilms ins Auge. Von Wajdas „Kanal“ aus Polen über Jugoslawien bis zu Rossellinis „Roma Città Aperta“ wird hier der Grundkonsens gegen den Faschismus auf der Leinwand gefeiert.




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