Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.10.2019


Leokino

„Und der Zukunft zugewandt“: Lügen im Paradies der Arbeiter

In „Und der Zukunft zugewandt“ erzählt Bernd Böhlich, wie das Scheitern der DDR bereits in der Gründung angelegt war.

„Die Revolution ist kein Wunschkonzert“: Alexandra Maria Lara spielt in Bernd Böhlichs „Und der Zukunft zugewandt“ die Rückkehrerin Antonia Berger, die in der jungen DDR über ihre Erfahrungen im sowjetischen Arbeitslager nicht reden darf.

© Polyfilm„Die Revolution ist kein Wunschkonzert“: Alexandra Maria Lara spielt in Bernd Böhlichs „Und der Zukunft zugewandt“ die Rückkehrerin Antonia Berger, die in der jungen DDR über ihre Erfahrungen im sowjetischen Arbeitslager nicht reden darf.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Ein Mann klettert über einen Stacheldrahtzaun, um nach Jahren der Trennung seine Frau und seine Tochter zu sehen. Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) gönnt ihrem Mann nur einen kurzen Blick auf das kranke Kind, auch weil sie die Gefahr kennt. Kaum hat der Mann wieder den Zaun erreicht, wird er von den sowjetischen Lagerwachen erschossen.

Antonia führt ein geheimes Tagebuch. „Wie viel einfacher wäre es, von seinen Feinden gequält zu werden statt von den eigenen Genossen“, schreibt sie, die auch als unschuldiges Opfer des stalinistischen Terrors und als Gefangene im sibirischen Gulag eine leidenschaftliche Kommunistin geblieben ist.

Bernd Böhlichs Drama „Und der Zukunft zugewandt“ – der Titel zitiert einen Vers der Nationalhymne der DDR – gehört zu dem runden Dutzend von Filmen, die anlässlich des Jubiläums des Mauerfalls vor 30 Jahren produziert wurden. Während jedoch in den anderen Filmen – „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ – die friedliche Revolution mit glücklichem Ausgang in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1989 gefeiert wird, erzählt Böhlich vom real ­existierenden Sozialismus und seinen Opfern. „Die ­Revolution ist kein Wunschkonzert“, sagt nämlich der sonst freundliche ­Parteifunktionär Leo Silberstein (Stefan Kurt), der auch historische Wahrheiten im Interesse von Partei und jungem Staat zurechtbügelt, schließlich warten Westen und Klassenfeind nur auf eine Gelegenheit, das stolze Experiment einer sozialistischen Gesellschaft zu zerstören. Doch das Scheitern dieser Utopie war bereits in ihren Anfängen angelegt.

Antonia wollte mit ihrem Chor 1938 die sowjetischen Genossen mit Kampfliedern ermutigen, aber während des Krieges war sie eine von vielen deutschen Kommunistinnen und Kommunisten, die als Spione verurteilt wurden. Für ihre Freilassung verlangt die Partei 1952 eine „Verschwiegenheitserklärung“ über die Erlebnisse im Arbeiterparadies, damit sollen auch die vergangenen zwölf Jahre im Gulag und die Ermordung des Ehemannes vergessen sein. Zur Belohnung gibt es Privilegien, sie wird zur Leiterin des lokalen Kulturzentrums bestellt. Ihre Tochter Lydia (Carlotta von Falkenhayn) erhält eine bevorzugte medizinische Betreuung. Der Chefarzt Konrad Zeidler (Robert Stadl­ober) hat für die kommunistische Idee sogar seine Praxis in Hamburg aufgegeben, um am Auf- und Ausbau des jungen Staates mitzuarbeiten.

Ein anderer Sympathisant ist Antonias Nachbar Alois Höcker (Jürgen Tarrach). Der Maler wollte vor allem dem „Wiener Nazipack“ entkommen. In Fürstenberg porträtiert er die Parteiprominenz.

Es sind fiktionalisierte Biografien, die Böhlich, der 1957 in der DDR geboren und mit der Erfindung des schrulligen Wachtmeisters Krause für die Polizeiruf-Serie bekannt wurde, in seinem Film aufrollt, doch die Modelle sind zu erahnen.

Der nächste historische Termin in „Und der Zukunft zugewandt“ ist der 5. März 1953. Antonia begegnet nur weinenden Menschen, die den Tod Stalins betrauern. Diese emotionale Fälschung kann die Rückkehrerin nicht mehr ertragen, weshalb sie ihr Tagebuch einem kleinen Kreis zugänglich macht und damit unerschiedliche Reaktionen (zwischen Republikflucht, Realitätsverweigerung und Resignation) auslöst.

Bernd Böhlich, der auch das Drehbuch geschrieben hat, benennt die Verbrechen, ohne ein moralisches Urteil über seine Figuren zu fällen. Am Ende verfolgt auch die betagte Antonia die TV-Bilder mit den offenen Grenzbalken und den fröhlich und befreit auf der Mauer winkenden Menschen. Sie muss sich den großen, über Jahrzehnte verdrängten Lügen stellen.


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