Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 31.10.2019


Kino

„Little Joe“: Ein ausbruchsicheres Gefängnis

In Jessica Hausners „Little Joe“ entfaltet eine gentechnisch veränderte Pflanze eine unheimliche Wirkung. Fürchten muss sich dabei aber niemand.

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© Filmladen



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Naturwissenschafter sind die wahren Helden und Bösewichte unserer Zeit. Gutes im Sinn, können sie Gefahren erschaffen, die es vorher gar nicht gab. Die Bio-Technikerin Alice in Jessica Hausners „Little Joe“ ist so jemand. Mit Gen-Technik und einem verbotenen Virus-Stamm entwickelt sie eine Pflanze, die als Antidepressivum wirkt. Wer sie gut pflegt, mit ihr spricht und sie streichelt, bekommt eine Ladung glücklich machender Pheromone aus dem knallroten Blütenkopf. Dass sie ihre Kreation nach ihrem eigenen Sohn Joe benennt, zeigt ihre anfängliche Unbesorgtheit. Doch ungeachtet der Liebe ihres floralen Doktor Frankenstein entwickelt die neue Lebensform eigene Motivationen.

„Little Joe“ folgt im Stile von „Black Mirror“ der Idee einer Bio-Infektion, die keine grauslichen fleischfressenden Monster-Pflanzen und blutige Opfer produziert, sondern quasi eine intelligente vegane Verführerin, die direkt auf die menschliche Gefühlswelt wirkt. Dieses genetisch-pharmakologische Konzept bildet den Ausgangspunkt und im erzählerisch ungeschickten Sinne auch das inhaltliche Herz dieses Films.

Das Drehbuch der aus Wien stammenden Hausner und von Géraldine Bajard will sich bewusst nicht entscheiden, wohin die filmische Reise geht, wie Hausner auch selbst erklärt: „Wir wollten verschiedene Möglichkeiten anbieten, das Geschehene zu interpretieren. Die so genannten Veränderungen der Charaktere können sowohl durch ihren psychischen Zustand, als auch durch die eingeatmeten Pollen begründet werden. Oder diese Veränderungen könnten so gar nicht stattgefunden haben und nur in der Einbildung von Alice stattfinden.“

Während die Identifikationsfigur Alice (Emily Beecham gewann dafür in Cannes den Preis als beste Schauspielerin) mit der Erkenntnis hadert, die das Publikum visuell dann doch eindeutig erzählt bekommt, verändern sich die Figuren um sie herum auf seltsame Weise: ihr Assistent und Verehrer Chris (Ben Whishaw) ebenso wie ihr Sohn Joe (Kit Connor). Die Diskrepanz von visueller filmischer Oberfläche und intellektuell verhandelter Drehbuch-Unklarheit lässt den Film bis zum Ende durch teils beeindruckende Szenen mäandern.

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Fürchten muss sich niemand. Die unheimliche Stimmung steigert sich nie zur Spannung eines echten Angst-Thrillers. Das wäre kein Problem, wenn „Little Joe“ und seine unheimliche Titelfigur eine eigene Dynamik entwickeln würden.

Hausner bleibt in ihrem ersten englischsprachigen Film (eine Koproduktion der BBC mit der Wiener Coop99) aber in ihrem synthetisch-betäubten Diskurs-Drehbuch des Arthouse-Genres gefangen.

Sie orientiert sich eher am thematischen Angelpunkt eines Familiendramas, das keinem wirklichen Spannungsbogen folgt. Dabei entstehen durchaus starke, hypnotische Szenen, mit den klar durchkomponierten Farb-Bildern von Kamera-Meister Martin Gschlacht, den mintgrünen Kostümen ihrer Schwester Tanja Hausner und der eigenwilligen Musik des Japaners Teiji Ito. Visuell ist „Little Joe“ stellenweise atemberaubend schön und das helle, sterile Gewächshaus mit seinen hin und her schwingenden roten Pflanzen wird zum unheimlichen Gefängnis. Ausbrecher ist „Little Joe“ aber keiner.




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