Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.11.2019


Viennale 2019

Viennale: „Willst du leben, oder willst du sterben?“

Die Viennale präsentiert südamerikanische Erkundungen von Gewalt und Solidarität, so auch im Festival-Highlight „Bacurau“.

Begräbnisszene aus „Bacurau“, einem eindrucksvollen Beitrag Brasiliens bei der Viennale 2019.

© ViennaleBegräbnisszene aus „Bacurau“, einem eindrucksvollen Beitrag Brasiliens bei der Viennale 2019.



Wien – „Você quer viver ou morrer?“, „Willst du leben oder sterben?“. Im Kino stellt sich diese Frage deutlicher als anderswo. So auch in „Bacurau“, einem der heurigen Viennale-Highlights. Die Dämonen und Monster, von denen Festivalchefin Eva Sangiorgi in Bezug auf ihre Filmauswahl sprach, sind hier sehr menschliche Bestien in einem dystopischen Brasilien. „Bacurau“ eilt sein Ruf seit der Premiere im Mai in Cannes voraus, wo er den Jury-Preis gewann. Und auch im Wiener Gartenbaukino fanden sich weit nach Mitternacht noch viele Zuschauer für ein Gespräch mit Co-Regisseur Juliano Dornelles ein. Ungeachtet der Gewalt sei es „ein Film über Solidarität“, betonte er.

Wer ein mitleidiges Sozial- drama über die Lage des größten südamerikanischen Landes erwartet, unterschätzt das Weltkino. Die Regisseure Kleber Mendonça Filho („Aquarius“) und Juliano Dornelles inszenieren einen am Western angelehnten Thriller, der statt leidender Resignation den Gegenangriff inszeniert.

Das abgelegene Dorf Bacurau muss sich gegen reiche Touristen verteidigen, die hier auf Menschenjagd gehen (allen voran Udo Kier in einer Paraderolle). Dabei bilden Neo-Kolonialismus, korrupte Politiker und Wassermangel nur den Hintergrund für ein opulentes Genrekino. Die blutige Gewalt spiegelt die Realität unter „diesem Bolsonaro-Typen“ wider, wie es Juliano Dornelles formulierte. „Bacurau“ ist die perfekte Ergänzung zum Special „Brazil Burns! – Brasilien entflammt“, das in 20 Filmen das junge brasilianische Kino erkundet.

Das Verhältnis von Gewalt und Solidarität lässt sich in vielen Viennale-Filmen wiederfinden, besonders in den seit Eva Sangiorgis Antritt noch prominenter vertretenen Filmen aus Südamerika. Dort haben sich schon immer unterschiedliche Film-Traditionen fruchtbar vermischt.

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Der beim Sundance-Festival gefeierte „Monos“ aus Kolumbien kommt in zwei Wochen in die österreichischen Kinos. In „Ema“ von Pablo Larrain springt die Gewalt aus dem Familiären ins Gesellschaftliche über. Auch hier eine erschreckend aktuelle Vorwegnahme gerade real ausbrechender Konflikte, wie Chiles Absage der Weltklimakonferenz diese Woche zeigt.

Nicht immer tut sich das Kino mit so viel Aktualität leicht. Südamerikas Kino-Tradition, die stets eng mit dem Freiheitskampf verknüpft war, hat darin Übung. Mit narrativem Surrealismus verwandelt sich die gewaltvolle Energie in kreatives Erzählkino, im intelligenten Spannungsverhältnis mit politischen Realitäten.

Für diesen Diskurs brennt auch die Viennale. Dass dabei sogar die diesjährige Filmmuseums-Retrospektive „O Partigiano!“ zum paneuropäischen Antifaschismus-Kino zweifelhafte Aktualität bekommt, ist eine historische Draufgabe.

Das hätte auch den kürzlich mit 95 Jahren verstorbenen Viennale-Präsidenten Eric Pleskow gefreut. Seine herrlich launigen Worte wurden heuer zur Eröffnung noch einmal eingespielt. Auch 2019 hätte er sicher einiges zu sagen gehabt. (maw)


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