Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 04.12.2019


A Rainy Day in New York

Neuer Film von Woody Allen: Niederungen und Nieselregen

In seiner neuen Komödie „A Rainy Day in New York“ jagt Woody Allen die unerschrockene Enkelgeneration des Stadtneurotikers durch sein Manhattan.

Was als romantisches Wochenende beginnt, wird in Manhattan wegen der gebotenen Verführungen schnell zum Desaster: Für „A Rainy Day in New York” engagierte Woody Allen die Jungstars Elle Fanning und Timothée Chalamet.

© PolyfilmWas als romantisches Wochenende beginnt, wird in Manhattan wegen der gebotenen Verführungen schnell zum Desaster: Für „A Rainy Day in New York” engagierte Woody Allen die Jungstars Elle Fanning und Timothée Chalamet.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Ingmar Bergman, der große Zweifler des Weltkinos, drehte jeden Film so, als wäre es seine letzte Arbeit. Sein größter Verehrer setzt dagegen als Spieler auf den Zufallsgenerator.

Im Dokumentarfilm „Woody Allen: A Documentary“ (2011) zieht der Autor, Regisseur und Schauspieler aus einer Kommode einen Schuhkarton, in dem Ideen für eine endlose Reihe von Filmen gesammelt sind. „Wer viele Filme macht“, sagt Woody Allen, „muss auch mal einen Treffer landen.“

Mit der Erfindung des autobiografischen „Stadtneurotikers“ für „Annie Hall“, seinen sechsten Film seit dem Regiedebüt 1969, begann 1977 Allens große Glückssträhne. Im Jahresrhythmus konnte er einen Triumph nach dem anderen feiern, trotz seiner Verachtung für Hollywood wurde er mit Oscars belohnt und mit Charlie Chaplin verglichen.

Hinter welcher Figur sich der Komiker auch verbergen mochte – Alvy Singer in „Annie Hall“ oder Isaac in „Manhattan“ (1979) –, mit großer Komik zelebrierte Allen auch seine erlittenen Erniedrigungen. Die fügten ihm jeweils ihm nahestehende Frauen zu. „Sex mit dir ist ein kafkaeskes Erlebnis“, muss sich der berühmte Alvy über seine erotischen Gewohnheiten sagen lassen. In „Manhattan“ landet die von Meryl Streep gespielte Exfrau Jill einen Bestseller über die Ehejahre mit Isaac.

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Die bittere Ironie der visionären Sicht auf die Dinge und einen Künstler, der seine Maske ablegen will, enthüllte sich ein halbes Jahrhundert später, war es doch sein Sohn Ronan Farrow, der mit Enthüllungen aus dem Allen-Haushalt und Recherchen über Harvey Weinstein den Pulitzer-Preis erobern konnte.

Für seinen 48. Film hat Woody Allen wieder in seinem Schuhkarton gewühlt. „A Rainy Day in New York“ erzählt noch einmal die Geschichte eines Stadtneurotikers, als wäre seit den Siebzigern kein Tag vergangen. Indem Allen seinen Protagonisten Gatsby (Timothée Chalamet) nennt, wirft er nebst dem klassischen Allen-Sakko eine schwer zu tilgende Hypothek aus Zitaten auf die schmalen Schultern des flanierenden Exzentrikers, der endlich seiner Traumfrau Ashleigh (Elle Fanning) seine Traumstadt zu Füßen legen möchte. Aber schon in der Eröffnungssequenz ist an der Art, wie der Schnösel die Augen verdreht, zu erkennen, dass die Beziehung nicht lange halten wird.

Die ständig plappernde Blondine soll für ihre College-Zeitung den Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen. Hinter jeder Tür der Tribeca-Studios lauert eine Verführung. Pollard würde die Studentin gern zu seiner „Muse“ erheben. Der Filmstar Francisco Vega (Diego Luna) drängt zum Quickie, während der Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law) die Blondine zur Zeugin der Erniedrigung durch seine untreue Frau macht. Gatsby nutzt die Zeit, um von Prostituierten einiges über den Sinn und die Unwägbarkeiten des Lebens zu erfahren. Hinter dem Regenschleier wird das „Lächeln einer Sommernacht“ – frei nach Bergman – sichtbar. Wer möchte da den ersten Stein auf den Regisseur werfen?

Vergangenen Sonntag wurde Woody Allen 84 Jahre alt. Den Geburtstag feiern allerdings nur europäische Kinos, den US-Start haben die Amazon Studios verhindert. Wahrscheinlich möchte der Konzernchef Jeff Bezos mit der Presse nur über Raumfahrt und nicht über Niederungen, Nieselregen und die Traumata eines Kinoregisseurs reden.


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