Letztes Update am Fr, 29.11.2013 10:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film und TV

Teuflischer Einsatz für den Stargeiger

Jetzt verzaubert er auch noch die Kinobesucher: Stargeiger David Garrett spielt im Streifen „Teufelsgeiger“ seine erste große Hauptrolle.



Berlin – Eine Kunst, die nicht jeder beherrscht: Wenn David Garrett nämlich im wahrsten Sinne des Wortes aufgeigt, ist das Publikum stets entzückt. Doch die Bühne war dem Stargeiger offenbar nicht genug: Im Streifen „Der Teufelsgeiger“, der ab 31. Oktober in unseren Kinos läuft, schlüpft er in die Rolle von keinem Geringeren als Niccolò Paganini (†1840). Zum Kinostart gibt es zudem noch den Soundtrack „Garrett vs. Paganini“. Die TT traf den 33-jährigen Neo-Schauspieler zum Interview.

Niccolò Paganini soll in seiner Kindheit vom Vater zu stundenlangem Üben gezwungen worden sein. War der Kleine nicht fleißig genug gewesen, bekam er einfach nichts zu essen. Von Ihnen, David Garrett, heißt es hingegen, dass Sie freiwillig jeden Tag acht Stunden geübt haben. David, der brave Bub also?

David Garrett: Das mit der Freiwilligkeit ist immer eine solche Sache ... Man kann prinzipiell davon ausgehen, dass kein Kind freiwillig acht Stunden übt. Dafür ist nicht genug Konzentration da. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass es sehr, sehr schwierig ist, ihre Konzentration lange aufrechtzuerhalten. Das größte Lockmittel ist nach wie vor die Aufmerksamkeit der Eltern. Dass Paganini eine härtere Schule hatte, beruht wohl auf dem Umstand, dass er in absoluter Armut aufgewachsen ist. Dadurch war der Druck der Familie ein ganz anderer. Endlich war einer da, der für ein besseres Leben sorgen konnte.

Was war das ganz Besondere an Paganini?

Garrett: Seine Virtuosität. Er hat die Geige erst populär gemacht. Seine Kompositionen haben einen unendlichen Schwierigkeitsgrad und stellen die höchsten Anforderungen. Messlatte eines jeden Geigers ist, dass er sich zumindest einmal an Paganini misst und die großen Violinkonzerte frei von technischen Problemen spielen kann. Es gibt nur wenige, die dazu fähig sind. Man kann sie an den Fingern zweier Hände abzählen.

Sie gehören natürlich dazu?

Garrett: Sonst hätte man die Rolle wahrscheinlich nicht mit mir besetzt. Denn das Projekt war eine große Herausforderung. Es war nicht möglich, sich einfach an einem Drehbuch zu orientieren. Es ging auch um den Einsatz der Musik. Man konnte ja einzelne Szenen nicht willkürlich mit Musik unterlegen. Die musikalische Wertigkeit musste auf jeden Fall erhalten bleiben.

Wie wichtig war Ihnen das schauspielerische Element? Das war für Sie ja ein Debüt?

Garrett: Regisseur Bernard Rose hat mir geraten, mir vorher nicht mehr Gedanken als nötig darüber zu machen. Er hatte Angst, dass ich dadurch meine Natürlichkeit als Geiger verlieren würde. Aber ich habe natürlich Stunden genommen, als Perfektionist wollte ich am Set vorbereitet sein.

Ihr Look in dieser Rolle – viel Maske?

Garrett: Nein, ich habe mir die Haare wachsen lassen. Die Koteletten sind authentisch. Alles echt.

Man nannte Paganini den „Teufelsgeiger“. Goethe meinte über das Dämonische, dass es sich in einer äußerst positiven Tatkraft äußert, vor allem bei Musikern. Und bei Paganini habe es sich in hohem Grade gezeigt. Aber unglaubliche Fähigkeiten könnten einem ja auch von göttlicher Hand gegeben sein. Warum also gerade „Teufelsgeiger“?

Garrett: Das hat mit der damaligen Zeit zu tun. Am Anfang der industriellen Revolution wurde das Außergewöhnliche eher mit Negativem in Verbindung gebracht, auch wenn es durchaus positiv gemeint war. Dazu kam Paganinis Erscheinungsbild. Hager, dürr, grundsätzlich schwarz gekleidet. Er hat die Mythen, die um ihn gewoben wurden, nie widerlegt. Dadurch hielten sich Geschichten, die nicht der Wahrheit entsprachen und das Publikum faszinierten. Aber: sein A und O war natürlich die Qualität. Alles war faszinierend, brillant, neu. „Teufelsgeiger“, das beschreibt etwas, das zu diesem Zeitpunkt unbegreiflich war, und das wurde mystifiziert. In Wirklichkeit steckten enormes Talent und unendlich viel Arbeit dahinter, aber es ist wahrscheinlich anstrengender, nach der Wahrheit zu suchen.

Fraglos war Paganini ein „Popstar“ seiner Zeit. In unserer Zeit pflegen Damen den großen Popstars unter anderem Unterwäsche auf die Bühne zu werfen. Ist Ihnen das auch schon passiert?

Garrett: Mein weibliches Publikum ist emanzipierter und zurückhaltender. Bei mir steht hoffentlich die Musik im Vordergrund. Ich finde solche Sachen an sich nicht negativ, aber es ist ganz gut, dass bei mir nichts auf die Bühne geworfen wird. Schließlich habe ich ein teures Instrument in der Hand, und es wäre nicht angenehm, dauernd achtgeben zu müssen (lacht).

Wie viele Geigen haben Sie?

Garrett: Eine Stradivari 1716 und eine andere Geige, die ich meist innerhalb eines Studios benütze. Denn wenn man einem Mikrofon nahe kommt, braucht man keine Stradivari. „Schändung“ wäre das falsche Wort, sie ist dort einfach unnötig. Paganini hatte übrigens 14 Geigen, aber der Herr Kollege hat ja auch ein Schweinegeld verdient.

… und verspielt. Wie steht es um Ihren Spieltrieb?

Garrett: Da gibt es Gott sei Dank keine Affinität. Mein einziger Spieltrieb gilt der Geige.

Was bedeutet Ihnen Karriere?

Garrett: Karriere? Das ist für mich ein ungreifbarer Begriff. Was ist das überhaupt? Eine Kombination aus Erfolg und Zuneigung? Das Geheimrezept einer sogenannten Karriere ist für mich, dass man nie versucht, ihr hinterherzulaufen. Es geht um Leidenschaft, Liebe, Disziplin. Karriere, dieses Wort hat mit Kunst nichts zu tun. Es ist nur ein Endprodukt.

Manch großer Künstler der Musikszene hat schon einmal gebeichtet, dass es Augenblicke gab, in denen er sein Instrument am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte. Wie ist das bei Ihnen?

Garrett: Bei einem Klavier ist das wahrscheinlich schwierig, und was meine Geige betrifft: Dafür ist die Wertigkeit des Instruments zu hoch.

Paganini hat vor gekrönten Häuptern gespielt. Sie auch. Etwa vor der Queen. Außerdem vor Angela Merkel, dem Papst oder Barack Obama. Gibt es diesbezüglich noch Wünsche?

Garrett: Um ehrlich zu sein – im Endeffekt spiele ich die Musik nur um ihrer selbst willen.

Das Interview führte Ludwig Heinrich




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