Letztes Update am Mo, 27.01.2014 07:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film und TV

Geprellte Träume und Zechen

Wenn nach 30 Ehejahren der Überdruss dominiert, ist eine Reise nach Paris vielleicht die richtige Entscheidung. Jeff Goldblum ist schon dort.



Von Peter Angerer

Innsbruck – In Jean-Luc Godards Film „Die Außenseiterbande“ (1964) vertreiben sich Frantz, Odile und Arthur vor einem Raubüberfall die Zeit im Louvre und stellen mit neun Minuten und 45 Sekunden an allen Meisterwerken vorbeijagend einen Rekord auf. 40 Jahre später ließ Bernardo Bertolucci in seinem Film „Die Träumer“ einen US-Studenten und ein Zwillingspaar diesen Rekord um 15 Sekunden unterbieten. In Roger Michells Film „Le Weekend“ ist Godards „Außenseiterbande“ ständig präsent, aber für Nick (Jim Broadbent) und Meg Burrows (Lindsay Duncan) nur noch eine wehmütige Erinnerung an ihre Hochzeitsreise.

Der Universitätsprofessor und die Biologielehrerin aus Birmingham sind in Paris noch nicht aus dem Zug gestiegen, als sie die Reise auch schon bereuen. Vielleicht ermöglicht das Hotel, in dem sie sich vor 30 Jahren geliebt haben, den Einstieg in die Romantik, doch nüchtern betrachtet war das schon damals eine Absteige. Meg besitzt noch eine Kreditkarte mit minimaler Bewegungsfreiheit, die zu einer exklusiven Suite verführt. Angestachelt von Godards „Außenseiterbande“ entdecken Nick und Meg in sich die kriminelle Energie, die zum Besuch eines Pariser Haubenlokals ohne entsprechende Mittel notwendig ist. Dann – Paris ist ein Dorf – biegt Morgan (Jeff Goldblum) um die Straßenecke. Ungern wird eine Einladung für den nächsten Abend angenommen, denn die Begegnung mit dem Freund aus der Studienzeit in Cambridge lässt Nick unter der Schmach eines gescheiterten Lebens noch mehr schrumpfen, als es bisher Kreuz- und Muskelbeschwerden vermocht hatten.

Der Abend beim reichen Intellektuellen mündet allerdings in eine Nacht der Überraschungen. Morgan würde es ohne die Unterstützung des brillanten Nick gar nicht geben. Diese Wertschätzung verändert auch Megs Sicht auf ihren Ehemann, dem sie seit Jahren nur mit leiser Verachtung begegnet. Am Ende tanzen Nick, Meg und Morgan in vollkommener Übereinstimmung mit der „Außenseiterbande“, die schon wieder auf einem Bildschirm zu sehen ist, den Madison.

„Le Weekend“ ist die vierte Zusammenarbeit des Autors Hanif Kureishi mit dem Regisseur Roger Michell. Kureishi, 1954 als Sohn eines Pakistani und einer Engländerin geboren, wurde 1985 mit seinem Skript für Stephen Frears’ „Mein wunderbarer Waschsalon“ berühmt und für einen Oscar nominiert. Frears inszenierte auch 1987 Kureishis Buch „Sammy und Rosie tun es“ und verabschiedete sich nach Hollywood, während der Autor seine urbanen Selbstfindungs- und Entfremdungsstudien in London mit politischer Haltung fortschreiben wollte. Die Verbreitung von Kureishis und Michells Kinoarbeiten unterliegt allerdings einer undurchschaubaren Verwertungsstrategie. Der von autobiografischer Intimität getragene Film „Die Mutter“ fand ebenso wenig einen europäischen Verleiher wie die Tragikomödie „Venus“, die Kureishi für Peter O’Toole 2006 geschrieben hatte. „Le Weekend“ ist dagegen ein geradezu unspektakulärer Film, der sympathisch von geplatzten Träumen und Erwartungen erzählt und vom Respekt, den man anderen nicht verweigern sollte, weil das Leben sonst zur Hölle wird.


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