Letztes Update am Mi, 29.01.2014 07:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film und TV

Mit Charisma für den Frieden

Justin Chadwick erzählt in „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ überraschend konventionell die Biografie des Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela.



Von Peter Angerer

Innsbruck – In der internationalen Filmdatenbank sind etwa 60 Auftritte des am 5. Dezember 2013 verstorbenen Freiheitskämpfers Nelson Mandela in Film- und TV-Dokumentationen aufgeführt. Dazu kommen noch ein Dutzend Spielfilme, die das Leben und die Wirkung des Friedensnobelpreisträgers beleuchten. Erstaunlich war dabei jeweils die Auswahl der Schauspieler, die mit der Darstellung der Jahrhundertfigur auch ein persönliches Statement abliefern wollten. Das waren so unterschiedliche Stars wie Danny Glover in „Mandela“ (1987), Dennis Haysbert in „The Color of Freedom“, Sidney Poitier in „Mandela und de Klerk“(1997) oder Terrence Howard in „Winnie Mandela“ (2011).

Doch für den Porträtierten gab es nur einen Star, mit dem er sich identifizieren wollte. Morgan Freeman spielte daher in Clint Eastwoods „Invictus – Ungeschlagen“ (2009), den eben zum Präsidenten Südafrikas gewählten Mandela, der in dem von den Buren bevorzugten Rugby-Sport eine Metapher entdeckte, um weiße Minderheit und farbige Mehrheit nach Jahrzehnten der Apartheid miteinander zu versöhnen. Nebenbei besaß Freeman auch die Verfilmungsrechte an Mandelas Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“, in der Mandela sein Leben von der Kindheit über die rassistisch bedingten Niederlagen als Anwalt, sein Engagement für den African National Congress, seine 27 Jahre dauernde Kerkerhaft auf der Gefängnisinsel Robben Island und schließlich von seinem letzten großen Projekt, der Versöhnung, erzählt. Alle Versuche Freemans, eine Erzählform über Rückblenden zu finden, scheiterten an der Komplexität dieser einzigartigen Biografie, da auch die aktuelle Maskentechnik nur Alterungsprozesse glaubhaft machen kann. Das Projekt ging an den südafrikanischen Produzenten Anant Singh, der bei William Nicholson, der auf historische Stoffe („Gladiator“, „Les Misérables“) spezialisiert ist, eine konventionelle und chronologische Bearbeitung des 700-Seiten-Buches bestellte. Als Mandela wurde der britische TV-Star Idris Elba („Luther“) engagiert, der sich bei seiner Darstellung jedoch mehr an Morgan Freemans Annäherung orientiert.

Nelson Rolihlahla Mandela (Elba) hat es als Anwalt zu einem Reihenhaus gebracht, obwohl er nur hoffnungslose Fälle verhandelt. Für die Richter bleibt er der Boy, der auf der Straße zur Seite springen muss, um keinem Weißen im Weg zu stehen. Er wird Zeuge von Massakern an Kindern und Frauen und gegen den Willen seiner Frau, die ein Leben in bescheidenem Wohlstand vorzieht, verwandelt er sich in einen politischen Aktivisten, da ihm der Apartheidsstaat keine andere Wahl lässt. Mit seiner zweiten Ehefrau Winnie (Naomie Harris) radikalisiert sich auch sein Privatleben. 1964 wird Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt, darf auf Robben Island pro Jahr zwei Briefe schreiben und empfangen, wobei die Schriftstücke nach der Zensur nur noch aus Papierschnipseln bestehen. Sie sind ein Lebenszeichen.

Die Zeitsprünge illustriert Regisseur Justin Chadwick mit historischem Archivmaterial, auch um eventuelle Erinnerungen beim Publikum fixieren zu können. Die Haftbedingungen beginnen sich mit der weltweiten Solidarität und Boykottmaßnahmen zu ändern. Im Film steht dafür der 70. Geburtstag des Gefangenen am 13. Mai 1988, der mit dem legendären „Free Nelson Mandela“-Konzert am 11. Juni 1988 im Londoner Wembley Stadion zelebriert und als TV-Ereignis in 67 Länder übertragen wurde. Zwei Jahre später verhindert Mandela mit seinem Charisma und seinem Appell für den Frieden einen Bürgerkrieg in Südafrika, denn „niemand wird mit Hass geboren!“.