Letztes Update am Di, 29.07.2014 06:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film und TV

Die Wäscherin in einem verrufenen Etablissement

Der chinesische Regisseur Yinan Diao gewann mit „Feuerwerk am hellichten Tage“ bei den Berliner Filmfestspielen den Goldenen Bären.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Zwei Unterarmpaare suchen sich auf einem Leintuch. Als sich die Finger ineinander verklammern, ist es auch schon vorbei. So einfach kann erotische Ekstase im Kino sein. Da „Feuerwerk am hellichten Tage“ aus China kommt, ist es nicht sicher, ob die Zurückhaltung dem Symbolismus huldigt oder der chinesischen Zensur geschuldet ist, die keine sexuellen Darstellungen zulässt.

Die Hände gehören zu Zhang Zili (Fan Liao) und seiner Frau, die dem Mann auf dem Bahnhof die Scheidungspapiere überreicht, die wie ein Reisepass aussehen. Zhang beginnt seine nunmehrige Exfrau zu würgen, wirft sie auf einen Sandhaufen. Glücklicherweise fährt ein Zug in den Bahnsteig ein, die Frau kann sich retten.

Zhang ist Polizeikommissar irgendwo in der chinesischen Provinz, die von der Kohlegewinnung lebt. Aber es ist nicht nur der Kohlenstaub, der die Gegend düster erscheinen lässt. Seit einiger Zeit beunruhigen fein verpackte Leichenteile, die auf Kohlezügen gefunden werden. Zhang verfolgt eine falsche Fährte, aber als die Verhaftung der Verdächtigen in einem Friseurladen zu einem Massaker wird, das auch Zhang nur schwer verletzt überlebt, muss der Polizist seinen Dienst quittieren. Das war im heißen Sommer des Jahres 1999, als sich die Menschen zur Abkühlung von Wassermelonen ernährten und die Kerne durch die Büroräume gespuckt wurden. Endlich versteht man auch die Schilder mit der Aufschrift „Nicht spucken!“, die in China auf jeder Wand angebracht sind.

Fünf Jahre später ist Zhang nur noch ein Wrack. Es ist ein Räuber, der den Alkoholiker vor dem Erfrierungstod rettet, aber dafür sein Motorrad klaut. Mit einem lächerlichen Moped muss er die Suche nach dem vermeintlichen Serienmörder aufnehmen, da schon wieder verpackte Leichenteile auftauchen.

Bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen lief „Feuerwerk am hellichten Tage“ noch unter dem internationalen Verleihtitel „Black Coal, Thin Ice“. Der chinesische Regisseur Yinan Diao gewann gegen den favorisierten US-Konkurrenten Richard Linklater verdient den Goldenen Bären, während sein Hauptdarsteller Fan Liao als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Fan Liao spielt dabei weniger die Figur des frus­trierten und desillusionierten Ex-Polizisten denn eine Gefühlslage. Wenn Zhang auf den vereisten Straßen und Plätzen torkelnd ausrutscht, wird das komplette Scheitern einer Existenz am Rand der Gesellschaft sichtbar.

Eine Spur zu den Verbrechen findet Zhang in einer Wäscherei, in der Wu Zhizhen (Lun-mei Gwei), die Witwe des ersten Mordopfers, arbeitet. Eine andere Spur führt in das mit buntem Neon illuminierte, aber doch zwielichtige Etablissement „Feuerwerk am hellichten Tage“, in dem sich Wu 1999 verkaufen musste, um so für den Reinigungsschaden an einem Ledermantel aufzukommen. Zhang würde sich gern unauffällig als Kunde dieser schönen Frau nähern, doch er besitzt kaum mehr Kleidungsstücke als die, die er am Leib trägt.

Viele der Liebes- und Todesszenen in „Feuerwerk am hellichten Tage“ waren so ähnlich in Filmen von Orson Welles, Billy Wilder oder Carol Reed schon einmal zu sehen. Yinan Diaos Held bewegt sich zwar wie ein Film-Noir-Ermittler, die moralischen Grenzen überschreitet er bei aller Verzweiflung nicht.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Alex Kurtzman, Patrick Stewart und Isa Briones bei der Comic Con in San Diego.Trailer
Trailer

„Star Trek“-Trailer verrät: Data und Seven of Nine sind zurück

Bei der Comic Con in San Diego wurde ein vneuer Zwei-Minuten-Trailer vorgestellt. In „Star Trek: Picard“ muss sich der Weltraumkommandant im Ruhestand eine n ...

kino
Mahershala Ali (r.) mit dem Präsidenten der Marvel Studios Kevin Feige.Film und TV
Film und TV

Oscarpreisträger Ali übernimmt Rolle des Vampirjägers in „Blade“

Der zweifache Oscarpreisträger („Moonlight“, „Green Book“) Mahershala Ali tritt in die Fußstapfen von Wesley Snipes.

kino
Celeste (Natalie Portman) überlebt ein School-Shooting – und wird danach zum Popstar.Kino
Kino

“Vox Lux“: Kühle Gewalt und eiskalter Glitzer mit Natalie Portman

Regisseur Brady Corbet und sein Star Natalie Portman machen „Vox Lux“ zur hochstilisierten Untersuchung eines Traumas und dessen medialer Ausschlachtung.

kino
Dominic Kainzner und Stefan Peschta übernehmen wieder die Moderation des Tiroler Kurzfilmfestivals im Komma Wörgl.Bezirk Kufstein
Bezirk Kufstein

Tiroler Kurzfilmfestival in Wörgl: Mit Amateurfilm auf den roten Teppich

Wörgl rollt vom 31. Oktober bis 1. November zum siebten Mal im Komma Wörgl Filmschaffenden den roten Teppich aus. Für das Tiroler Kurzfilmfe...

Chris Hemsworth und Co. lockten bereits Millionen Menschen in die Kinos.Kino
Kino

„Avengers: Endgame“ ist weltweit erfolgreichster Film aller Zeiten

Der Marvel-Superhelden-Film spielte bisher knapp 2,8 Milliarden US-Dollar ein und überholte damit den bisherigen Spitzenreiter „Avatar“.

kino
Weitere Artikel aus der Kategorie »