Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.11.2014


Film und TV

Die Elenden gegen die Gier

Der Friedensaktivist Rajagopal präsentierte den faszinierenden Dokumentarfilm „Millions Can Walk“ über den gewaltlosen Widerstand der indischen Ureinwohner.

© CinematographIm Oktober 2012 demonstrierten 100.000 Adivasi mit ihrem „Marsch der Gerechtigkeit” für die Rechte der indischen Landlosen.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Für Kinogeher war Richard Attenboroughs Filmbiografie „Gandhi” (1982) die erste Begegnung mit der Philosophie des gewaltlosen Widerstands gegen eine Kolonialmacht, die den Menschen des indischen Subkontinents mit Verachtung begegnete. In einem der großen emotionalen Momente des Films macht sich Gandhi auf den Weg, um das Salzmonopol der Briten zu brechen. Immer mehr Menschen schließen sich dem Marsch an, bis das Meer erreicht ist und Gandhi symbolisch nach einigen Körnern greift. Die Besatzer registrierten Gandhis Macht, Millionen Menschen auf die Straßen bringen zu können.

Millions Can Walk. Ab 12 Jahren. In Innsbruck: Leokino.

Den legendären „Salzmarsch“ dokumentiert der Schweizer Regisseur Christoph Schaub („Giulias Verschwinden“) in seinem Film „Millions Can Walk“ mit Wochenschauaufnahmen von 1930 und als Vorbild für ähnliche Unternehmungen. Die Elenden, die Menschen ohne Rechte, sind die Adivasi, so genannte Ureinwohner. Das sind 90 Millionen Inder, die Industrieprojekten oder anderen Interessen weichen müssen, weil sie dem Fortschritt im Weg stehen. Für diese Bauern ohne Land, Sammler ohne Wald gründete der von Gandhi inspirierte Friedensaktivist Rajagopal die Bewegung „Ekta Pari­shad“ („Solidarischer Bund“), die bereits 2007 einen Marsch nach Delhi organisierte. Damals marschierten 25.000 Menschen in die Hauptstadt. Die Regierung versprach, Kommissionen zu bilden und jedes Anliegen zu prüfen. Da es beim Versprechen blieb, organisierte Rajagopal für den Oktober 2012 einen weiteren „Jan Satyagraha“ („Marsch der Gerechtigkeit“), aber dieses Mal mit 100.000 Teilnehmern. Über diese machtvolle und zugleich friedfertige Demonstration wollte Christoph Schaub seinen Dokumentarfilm machen, doch der Regisseur durfte in Indien nicht einreisen, da er einmal mit einem Touristenvisum „in einer Gegend gewesen war, in die keine Touristen reisen würden“. Mit Kamal Musale fand er einen Koregisseur, der nach Schaubs Anweisungen die Bilder über den Marsch nach Zürich lieferte.

Männer und Frauen werfen sich vor Rajagopal auf den Boden, versuchen seine in Sandalen steckenden Füße zu küssen. Rajagopal weicht lachend zurück, lässt gerade noch zu, dass die Menschen den Rist berühren. In diesen Bildern erscheint Rajagopal wie ein Bollywood-Star, jenseits der Leinwand ist Rajagopal etwas kleiner, aber ebenso euphorisch. Der ausgebildete Agronom verwendet nur seinen Vornamen, da Familiennamen auf die Kaste verweisen und „ich weigere mich, das Kastensystem zu akzeptieren. Ich sehe mich als Weltbürger.“

Der Marsch auf Delhi entpuppt sich 2012 als Nervenkrieg. Jairam Ramesh, der Name verweist auf die höchste Kaste der Brahmanen, ist der für die Forderungen zuständige Minister für Agrarentwicklung. Er sagt im Film, die Regierung „möchte die Bedürfnisse der Armen nicht ignorieren“. Das hat auch mit der faszinierenden Logistik zu tun. Ein Jahr lang wurde von „Ekta Parishad“ dieser Marsch vorbereitet. 100.000 Menschen über 400 Kilometer und mehrere Wochen zu bewegen, verlangt nach einer Planung, an der schon Armeen­ gescheitert sind. Daher richten sich die Tagesmärsche nach verfügbaren Wasserstellen. Erst 200 Kilometer vor Delhi unterschreibt der Minister das Dokument, das Land- und Obdachlosen Bau- und Agrarland auf öffentlichen Grund zusichert, Ehefrauen Unabhängigkeit garantiert, die Waldrechte der Adivasi klären soll. Diese Forderungen kosten den Staat nichts, würden aber Änderungen in der Wirtschaftspolitik bedeuten. Mahatma Gandhis Zitat „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“ ist für Rajagopal zum Mantra geworden.

Seit diesem September regieren Hindu-Nationalisten in Indien. Da stellt sich die Frage, ob die Vereinbarungen mit der von der Kongresspartei angeführten Regierung halten. „Ich denke“, sagt Rajagopal, „Regierung ist Regierung. Ich habe mit einigen Ministern und Führern der Partei gesprochen und werde das beobachten. Wenn es nicht funktioniert, werde ich nicht zögern, eine große Anzahl von Menschen zu mobilisieren und wir werden wieder auf die Straße gehen.“ Eine der ersten Erklärungen der neuen Regierung war die Einladung an ausländische Investoren, nach Indien zu kommen. Rajagopal ist optimistisch, „ich hoffe, die Regierung wird sich dafür entscheiden, Land und Ressourcen den Armen und nicht den multinationalen Konzernen zu geben“.


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