Letztes Update am Do, 25.12.2014 13:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Film

Von Brasilien bis nach Hongkong: „Sissi“ als weltweites Phänomen

Liebe und Leid eines Traumpaars, mit Charme und Witz vor prachtvoller Wiener Schlosskulisse: Das Erfolgsrezept der „Sissi“-Filme schmeckt dem Fernsehpublikum bis heute. Österreicher müssen heuer jedoch ohne Sissi auskommen.

Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth.

© KeystoneRomy Schneider als Kaiserin Elisabeth.



Von Ute Wessels, dpa

Wien/München – „Sie pappt an mir wie Griesbrei.“ Romy Schneider hat alles versucht, um sich von „Sissi“ loszusagen - vergeblich. Seit fast 60 Jahren verzaubern die Liebesfilme ihr Publikum, vorzugsweise zu Weihnachten, und nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Kaum ein Film wurde hierzulande so oft wiederholt wie „Sissi“, nur wenige Nachkriegsproduktionen schafften einen ähnlichen internationalen Erfolg.

„Sissi ist fast schon Weltkulturerbe“, sagte Regisseur Michael „Bully“ Herbig in einem Interview mit der „Welt“, als er 2007 seine Parodie „Lissi und der wilde Kaiser“ in die Kinos brachte. Der Animationsfilm fand vor sechs Jahren sein Publikum, im Gegensatz zu „Sissi“-Neuverfilmungen. „Remakes will keiner sehen“, sagt der Filmwissenschaftler Tobias Haupts von der Technischen Universität Berlin. „Sissi“ ist untrennbar mit Romy Schneider verbunden - und umgekehrt.

Dreharbeiten vor 60 Jahren

Fast 60 Jahre sind vergangen, seit im Sommer 1955 die Dreharbeiten zum ersten Teil begannen. Das Kino der 50er Jahre suchte sich „unverbrauchte Gesichter“, wie Haupts sagt, eben Schauspieler, die im Dritten Reich noch nicht auf der Leinwand zu sehen waren. Romy Schneider und Karlheinz Böhm seien „unbefleckt“ gewesen. „Ein Traumpaar. Ein bisschen wie Disney.“

Im Gegensatz zu Karlheinz Böhm haderte die Schauspielerin zeitlebens mit „Sissi“. Zur Mitwirkung am dritten Teil hatte Regisseur Ernst Marischka sie 1957 schon überreden müssen. Für einen vierten Teil bot er ihr die damals sensationelle Gage von einer Million Mark. Romy Schneider lehnte ab. Sie hatte die Schnauze voll von „Sissi“.

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Ganz im Gegenteil zum weltweiten Fernsehpublikum. Einst hatte sich der Medienmogul Leo Kirch die Rechte an den „Sissi“-Filmen gesichert. Eine Goldgrube. Nach dem Niedergang des Kirch-Imperiums übernahm die Firma Betafilm in Oberhaching bei München die Rechte. Aktuell sind die Lizenzen in 71 Länder verkauft, wie Sprecherin Dorothee Stoewahse sagt. „Eine Wahnsinnsmasse.“ Frankreich, Litauen, Russland, die USA und Kanada, zählt sie auf. Aber auch in Japan, Hongkong, Neuseeland, Brasilien und dem Irak ist „Sissi“ zu sehen.

Kaiserin Sisi wurde durch Filme populär

Der weltweite Triumphzug der „Sissi“-Filme machte letztlich auch die historische Figur der Kaiserin Elisabeth populär. In der Wiener Hofburg gibt es seit zehn Jahren das Sisi-Museum. Hier erfahren die Besucher, wie die echte Kaiserin gelebt hat. Taufkleid und erster Milchzahn sind ebenso zu sehen wie der Dolch, mit dem sie 1898 am Genfer See ermordet wurde. Eine Tragödie, die zum Mythos Sisi beiträgt.

Für Wien sei die Kaiserin ein Glücksfall, sagt Norbert Kettner von Wien Tourismus. Aus aller Welt kämen Besucher in die Tourist-Info und fragten nach Sisi, der Hofburg oder Schloss Schönbrunn. Ein Stück „Sissi“-Nostalgie erleben auch die Besucher von Schloss Fuschl bei Salzburg. Das Hotel war Drehkulisse für die Szenen, die in Sisis Elternhaus Schloss Possenhofen spielten. Kinoplakate, Memorabilia der echten Kaiserin und vor allem die original erhaltene Schlossansicht erinnern Gäste an die Filme. Und die Suite, in der Romy Schneider einst während der Dreharbeiten schlief, gibt es auch noch.

Die „Sissi“-Filme böten - im Gegensatz zu vielen anderen Heimatfilmen ihrer Zeit - einen historischen Hintergrund, der aber mystifiziert werde, erklärt Filmexperte Haupts. Hochzeit und Alltagsprobleme des Kaiserpaares einerseits, die Politik der Österreich-Ungarn-Monarchie andererseits. „Es ist ein verklärter Blick in die Vorkriegsvergangenheit.“ Auch der Kitsch spiele eine wichtige Rolle. Gerade zu Weihnachten gebe man sich dem bewusst gerne hin. Und nicht zu vergessen: der Humor. Der zeige sich stark durch die Figur des Oberst Böckl. „Heute würden wir ihn den ‚Sidekick‘ in den Filmen nennen.“

Sissi-Darsteller bis nach China bekannt

„Die Figur übt eine Faszination aus“, sagt auch Peter Weck (84) über Sisi. „Die traurige Kaiserin, die dann umgebracht wird. So etwas mögen die Leute.“ Zudem sei das Interesse an Königshäusern auch heute noch groß. Der Schauspieler war dabei, als die „Sissi“-Story 1955 ihren Anfang nahm. Er spielte die Rolle des Karl Ludwig - Bruder von Franz Josef - der mit Sissi verlobt war. Bis sie sich den schneidigen Kaiser angelte. „Natürlich hätte ich nie gedacht, dass das einmal ein derartiges Echo nimmt“, sagt Weck über den Film. Selbst in China sei er darauf angesprochen worden.

Die Filme, sagte Michael Herbig der „Welt“, „verbreiten so ein wohliges Feiertagsgefühl. Man guckt zuweilen hin, bleibt auch mal hängen, und wenn man einnickt, macht das auch nichts, denn jeder hat sie schon x-mal gesehen.“ In diesem Jahr muss man im deutschsprachigen Fernsehen dennoch darauf verzichten - weder der ORF noch die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender haben „Sissi“ im Programm.