Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.02.2015


Film und TV

Superheldin schreibt Geschichte

Aus einem Vergewaltigungsopfer wird dank göttlicher Hilfe eine Superheldin: Der indische Filmemacher Ram Devineni schickt einen 3D-Comic in den Kampf gegen Gewalt und Ungerechtigkeit.

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© priyashakti



Von Silvana Resch

Innsbruck – Als 2004 der Tsunami Tod und Zerstörung über Südindien brachte, wunderten sich westliche Helfer über Berichte von Frauen, die lieber ertranken, als sich ohne Kleider aus dem Wasser ziehen zu lassen. Als „leichtes“ Mädchen zu gelten, kann fatale Folgen haben, so die Erklärung. Nachvollziehbar wurde dies für viele wohl erst, als 2012 eine Studentin von mehreren Männern vergewaltigt, gefoltert und aus einem fahrenden Bus geworfen wurde, sie erlag schließlich ihren schweren Verletzungen. Der Fall sorgte weltweit für Empörung, nicht zuletzt weil in Indien bei sexuellen Übergriffen zumeist die Schuld bei den Opfern gesucht wird. „Kein gutes Mädchen geht nachts alleine nach Hause“, kommentierte ein Polizist die schreckliche Tat etwa gegenüber Ram Devineni. Der indisch-amerikanische Filmemacher, dessen Produktion „The Russian Woodpecker“ beim Sundance Filmfestival als Sieger des „World Cinema Documentary Grand Jury Prize“ hervorging, war schockiert. Gemeinsam mit dem Dichter Vikas K. Menon und dem Zeichner Dan Goldman schuf er den Comic „Priya’s Shakti“. Darin werden uralte hinduistische Mythen geschickt mit Popkultur verwoben. Sexuell motivierte Gewalt gegen Frauen sei aber nicht auf ein Land alleine beschränkt, sagt Devineni. Für Entsetzen hat etwa jüngst die Ermordung einer jungen Türkin gesorgt: Sie wurde von einem Busfahrer erschlagen, weil sie sich gegen eine Vergewaltigung wehrte.

Um einer patriarchalen, frauenfeindlichen Gesellschaft eine Gehirnwäsche zu verpassen, schickt Devineni nun eine tapfere Superheldin in den Kampf für Gerechtigkeit. Im Comic wird die Geschichte der jungen Priya erzählt, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wird. Von ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft wird sie daraufhin verstoßen. Mithilfe der Göttin Parvati erwacht aber in ihr die weibliche Urkraft „Shakti“, die sie zur Superheldin werden lässt. Priya wird schließlich zur Retterin der Menschheit, die ob ihrer Verkommenheit vom erzürnten Gott Shiva zum Untergang verdammt wurde. „Priya’s Shakti“, das mit seinen flashigen Bollywoodfarben besticht, ist ein multimediales Werk, das mithilfe der App Blippar zum Leben erwacht. Scannt man die Seiten des Comics, der kostenlos auf der Website www.priyashakti.com heruntergeladen werden kann, verlassen die Figuren das Papier. In erschütternden Videoclips erzählen Vergewaltigungsopfer von ihrem Martyrium. Die Frauen werden dabei als Zeichentrickfiguren gezeigt, um sie vor weiteren Angriffen zu schützen. Ihr Kampf für Gerechtigkeit war bislang vergebens. Von zuletzt 34.000 zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen landeten gerade mal 21 Prozent vor Gericht. Alle zwanzig Minuten wird laut dem indischen National Crime Records Bureau eine Frau vergewaltigt. Die Dunkelziffer gilt als ungleich höher, die Schande bleibt alleine an den traumatisierten Opfern haften.

Der Comic zielt insbesondere auf Kinder und Jugendliche, ein kultureller Wandel soll herbeigeführt werden. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne sollen Hefte für den Schulunterricht gedruckt werden, zusätzlich sind Wandgemälde in ganz Indien geplant, die – mit der App gescannt – ihre Botschaften preisgeben. In den Slums von Mumbai haben Bollywood-Plakate-Maler bereits einige Gemälde angefertigt, sie zeigen Superheldin Priya, erhobenen Hauptes auf einem Tiger reitend. Weitere Abenteuer mit ihr – losgelöst von dem Thema – sind geplant.

„Priya’s Shakti“ hat seit seiner Veröffentlichung Mitte Dezember, die auch von einer Social-Media-Kampagne mit dem Hashtag #standwithpriya begleitet wurde, hohe Wellen geschlagen. Dass in Indien eine Debatte über sexuelle Übergriffe gestartet wurde, sei nicht zuletzt dem Comic anzurechnen, meinen Beobachter. Superheldinnen wie Priya braucht es aber auch hierzulande. Batman, Superman und Spiderman haben dringend weibliche Verstärkung nötig.


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