Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 13.03.2015


Film und TV

Vier Frauen im Arabischen Frühling

Alexandra Schneiders berührender Dokumentarfilm „Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch“.

© Daniele Praher FilmproduktionAuf dem Tahrir-Platz in Kairo begann 2011 der Widerstand gegen das autoritäre Regime Ägyptens.Foto: Praher Film



Innsbruck – Nach Jahrzehnten der Unterdrückung riefen die Ägypter am 25. Jänner 2011 den „Tag des Zorns“ aus und versammelten sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Zwei Wochen später wurde der Präsident Hosni Mubarak durch einen Militärrat ersetzt. Dieser fließende Machtwechsel war nicht ganz im Sinn der Massenbewegung. In den folgenden Wochen beobachtete die Wiener Regisseurin Ale­xandra Schneider die Ereignisse vor allem im Internet, sah sich auf YouTube Videos von Aktivistinnen an und entdeckte „ein Bild von muslimischen Frauen, das nicht dem entsprach, das ich bisher im Kopf hatte“.

Als im Mai 2011 eine Delegation junger Ägypterinnen in das Europaparlament eingeladen wurde, lernte die ehemalige Sozialarbeiterin die Muslimschwester Fatema Abouzeid kennen, die als Mitbegründerin der politischen Partei der Muslimbrüder ein liberales Erscheinungsbild für die Öffentlichkeit präsentierte. Damit hatte sie die erste Protagonistin für ihren Dokumentarfilm „Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch“ gefunden. Im Juni war sie „voller Ungewissheit zum ersten Mal in Kairo. Ich war auch unsicher, ob ich als Ausländerin einen Zugang finde, ob die Frauen mit mir reden wollen. Die Frauen waren damals alle sehr euphorisch.“

Zu diesen euphorischen Frauen gehörte auch Amani Eltunsi, die einen Verlag und einen Online-Radiosender betreibt und sich in T-Shirt und Jeans relativ unbehelligt bewegen kann, während sie zuvor in traditioneller Kleidung auch auf dem Tahrir-Platz sexuell belästigt wurde. Nach der Machtübernahme der Muslimbrüder wird man ihre Buchhandlung anzünden. Amani, die ein Buch über „geschiedene Frauen“ geschrieben hat, erzählt auch von der Genitalverstümmelung, die ihr als Kind zugefügt worden war. „Das ist so ein intimes Thema“, erzählt die Regisseurin, „das ich auch bei Amani nicht angesprochen hätte, wenn sie das nicht von sich aus erzählt hätte. Sie redet im Radio darüber, sie hat dem Parlament eine Unterschriftenpetition übergeben, damit das endlich diskutiert wird.“

Die Nubierin May Gah Allah hat ihre Bankkarriere aufgegeben, um sich gemeinnützigen Projekten widmen zu können. Anders als Fatema, Amani und May beherrscht die Hausfrau Sharbat Abdullah keine Fremdsprache, aber sie ist in diesem Frauenquartett die leidenschaftlichste Aktivistin, die auch die größten Widerstände zu überwinden hat. „Nimm die Kinder mit“, sagt ihr Ehemann zum Abschied, denn „wenn du stirbst, sterbt ihr alle zusammen. Dann hab ich meine Ruhe.“ Das habe damit zu tun, erklärt Alexandra Schneider, „dass das Regime mit gezielter Desinformation arbeitet. Auf absurde Weise wurden die Leute, die da noch demonstriert haben, als Prostituierte, Drogendealer oder als vom Ausland bezahlte Aufwiegler diskreditiert.“ (p. a.)


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