Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.04.2015


Film und TV

Felix, es ist alles viel schlimmer: Die Piefke-Saga wird 25

Vor 25 Jahren wurde die Piefke-Saga im ORF ausgestrahlt. Touristiker protestierten, Deutsche fühlten sich veräppelt. Mittlerweile ist der Vierteiler über die Auswüchse des Massentourismus Teil der Tiroler Identität.

© APA/PicturedeskDie Familie Sattmann war das Symbol für die reichen deutschen Gäste, die auf ein hinterlistiges Bergvolk treffen.



Von A. Plank und L. Pircher

Innsbruck – Gästen des Tirol Panoramas am Bergisel in Innsbruck werden als Zeichen der Tiroler Identität nicht nur die Pfeife von Übervater Eduard Wallnöfer, sondern auch Ausschnitte der Piefke-Saga präsentiert. 1990 wurden die drei ersten Teile der Satire im ORF ausgestrahlt, dabei bekamen die lieben deutschen Gäste und die hinterfotzigen Tiroler gleichermaßen ihr Fett ab. Die Aufregung ist Legende.

Unvergessen sind einige Zitate der Piefke-Sage. Der Klassiker: „Ich reise ab.“ Das zwangsläufige Statement des deutschen Unternehmers Karl-Friedrich Sattmann, wenn die Tiroler nicht so spuren, wie er sich das vorstellt. Besonders einprägsam ist dieser Running-Gag in der Sessellift-Szene. Dort wird der Deutsche vergessen und erfriert beinahe. Mit letzter Kraft sagt er: „Ich reise ab.“ Tobias Moretti hatte in der Piefke-Saga seinen legendä­ren Auftritt als Skilehrer Joe. Der sexuell Umtriebige wehrt sich im Film gegen das Skilehrer-Klischee: „Zerscht wollen alle mit mir ins Bett und dann war i auf einmal die männliche Nutte.“

Der vierte Teil wurde erst 1993 ausgestrahlt und wird bis heute bei Wiederholungen der Piefke-Saga gerne ausgespart. Er spielt in der Zukunft und überhöht die Satire ins Absurde. „Die Erfüllung“ beinhaltet einige befremdliche Begebenheiten, wie etwa die Entmenschlichung der Tiroler. In einer Club-2-Diskussion zu diesem Teil lehnte die Tourismus-Branche diese Folge als gewaltverherrlichend und am Thema vorbeigehend ab.

Der Tiroler Autor Felix Mitterer erklärt rückblickend, dass er mit den massiven Reaktionen auf die Piefke-Saga nicht gerechnet habe. „Ich war vom Aufschrei total überrascht. Ich hab’ das alles recht unschuldig hingeschrieben.“

Die Realisierung hatte man schließlich den Deutschen zu verdanken. „Der ORF allein hätte die Piefke-Saga damals gar nicht gedreht, da hätte es im Vorfeld schon zu viel Widerstände seitens der Tourismuswirtschaft und der Politik gegeben. Aber der NDR war weit weg, den konnte man nicht beeinflussen“, erinnert sich der Autor.

Er sei in dieser Zeit auch verbal und brieflich attackiert worden. Auf der Straße und im Wirtshaus erhielt er aber auch viel Schützenhilfe. Und ein paar Tourismusleute sagten zu ihm: „Felix, du bist ein naiver, harmloser Mensch. Es ist alles viel schlimmer.“

Heute hätte man die „Piefke-Saga“ in vielen Hotels in der DVD-Bibliothek, die Gäste würden sich das anschauen und darüber herzlich lachen. Die Tiroler Schauspielerin Brigitte Jaufenthaler, die derzeit in „Vier Frauen und ein Todesfall“ Erfolge feiert, verkörperte damals eine unschuldige Bergbauerntochter. „Ich habe die Anfeindungen nicht mitbekommen, das wurde eher von den Medien aufgebauscht.“ Sie sagt, dass der Streit um den Massentourismus noch lange nicht ausgestanden sei. „Das zeigt sich jetzt auch bezüglich der Seilbahn über die Kalkkögel. Die Leute sind hier auf die Barrikaden gegangen. Die Konflikte zwischen Touristikern und Naturschützern sind eine unendliche Geschichte.“

Das Verhältnis von Deutschen und Tirolern sieht die Schauspielerin wie die Beziehung eines alten Paares. „Sie gehen sich oft furchtbar auf die Nerven, aber können nicht ohne einander.“ Neu komme nun dazu, dass viele Ostdeutsche in Tirol arbeiten. „Das wird ganz andere Konflikte aufbrechen lassen“, sagt Jaufenthaler. Für sie sei die Piefke-Saga jedenfalls ein Karriere-Sprungbrett gewesen. Und auch Mitterer blickt positiv zurück: „Dass eine TV-Sendung so ein großes Echo und so viele Diskussionen hervorruft, ist für einen Autor letztlich ein großes Glück.

In seiner Haltung bestätigt fühlt sich im Nachhinein auch Andreas Braun, der als damaliger Chef der Tirol Werbung in vielerlei Hinsicht dazu stand, Tirols Tourismus kritisch zu hinterfragen: „Die Piefke-Saga ist deshalb so gut, weil sie vieles im Kern berührt hat. Eine Portion Selbstironie gehört zur Selbsterkenntnis dazu. Manche sehen das als Gefährdung, in Wahrheit ist es eine Art Psychohygiene. Tourismus ist Alltagskultur und gehört immer von Kunst hinterfragt und begleitet.“

Die Fortsetzung der „Piefke-Saga“ als „Russen-Saga“ hat Felix Mitterer auf Eis gelegt. Die russischen Gäste würden in Tirol ausbleiben und angesichts des Russland-Ukraine-Konflikts sei ihm nicht nach Satire, erklärt der Autor.


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