Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.06.2015


Kunst

Operationen an der Identität

Acht höchst unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung in der Galerie Kugler.

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© Katharina Sieverding



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – So könnte es auch klingen, wenn im Horrorfilm eher unschöne Gefühle akustisch aus einem Zombie hervorbrechen, aber was Patrycja German hier vorführt, soll eigentlich der Schönheit dienen: „A, O, U, X“, unter maximaler Gesichtsmuskel-Beanspruchung intoniert, ist eine skalpellfreie Anti-Falten-Formel. Die in Polen gebürtige Berliner Performance-Künstlerin interessiert freilich weniger, ob’s funktioniert, sondern einmal mehr das Spiel mit Distanz und Nähe. Letztere erfährt der Betrachter mit dem monitorfüllenden, sich bis ins Groteske verzerrenden Gesicht Germans und den bis in die Stimm-Überreichung geschraubten Lauten reichlich intensiv.

Einmal pro Jahr zeigt Bernd Kugler eine Gruppenschau, in der einzelne Galerie-Künstler auf weitere, internationale Positionen treffen, diesmal widmet man sich dem weiten Feld des Selbstbildnisses, das vom kunsthistorisch fest verankerten Genre längst in die Beschäftigung mit dem Selfie-Hype der Social-Media-Gesellschaft auskragt. Den Anstoß für die Schau „in cooperation with.“ lieferte interessanterweise aber Lars von Triers Komödie „The Boss of It All“, in der der Chef eines kleinen IT-Unternehmens immer dann, wenn unpopuläre Entscheidungen anstehen, einen in Wahrheit nicht existenten Boss aus Amerika vorschiebt.

Der Stellvertreter für das Selbst, das Wunsch- oder Ersatz-Ich ist eine auch psychologisch nicht uninteressante Erscheinung in der Kunst, man findet es hier etwa beim US-amerikanischen Fotografen Jack Pierson, der mit der dokumentarischen Form spielt, wenn er in seiner Serie „Self Portraits“ niemals sich selbst, sondern namenlose Männer zeigt. Man begegnet hier aber auch einer Pionierin der deutschen Fotokunst: Seit den späten 1960er-Jahren hat Katharina Sieverding das eigene Gesicht in unzähligen Selbstporträts auch mit Fragen nach Identität, Realitätsbildung, gesellschaftlichen Reflexionen und Wahrnehmung belichtet, solarisiert, eingefärbt und anderweitig verfremdet.

Berührend ist eine Arbeit von Elmgreen und Dragset, in der sich das dänisch-norwegische Duo mit Homosexualität und gesellschaftlicher Erwartungshaltung auseinandersetzt. „Sorry Mama“ steht unter zwei privaten Jugendporträts der Künstler. Laura Bielau operiert indes in der Dunkelkammer an der Vorstellungswelt und neben subtil gemalten Porträts von Rosilene Luduvico und zwittrigen Tuschzeichnungen von Ben Cornell ist es schließlich Anna Kolodziejska, die das Selbstbildnis originell ins Objekthafte überführt: Mit einem von der Decke hängenden Bleistift über einem weißen Blatt Papier (die Angst des Künstlers!) oder mit einer „Ahnengalerie“ aus Plastilin-Porträts, die letztlich aus den eigenen Fingerabdrücken bestehen.

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