Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.06.2015


Kunst

Die weiße Priesterin des heiligen Haines

Im Schwazer Museum der Völker wird an die aus Graz stammende Yoruba-Priesterin Susanne Wenger erinnert, die heuer 100 Jahre alt geworden wäre.

© chesiVon Susanne Wenger restauriert und weitergebaut: der Hain der Göttin Osun in Nigeria.Foto: Museum der Völker



Von Edith Schlocker

Schwaz – Ohne Susanne Wenge­r wäre der einzigartige Hain der Göttin Osun am Rand der nigerianischen 500.000-Einwohner-Stadt Oshogbo mit seinen archaischen, aus Ton gebauten und mit Stroh gedeckten Kultstätten, Ritualplätzen und wunderbaren Schreinen längst zerfallen. Den die gebürtig­e Grazerin, einem Orakelspruch folgend, jahrzehntelang restauriert und mithilfe einheimischer Künstler wieder aufgebaut bzw. weitergebaut hat.

Als Reinkarnation eines bedeutende­n Yoruba-Priesters ist Wenger vor sechs Jahren in Nigeria gestorben, wo sie bis zu ihrem Tod als Priesterin Adunni Olurisa eine absolute spirituelle und künstlerische Autorität war. Gert Chesi hat sie dort mehrfahr besucht, Susanne Wenger war aber auch immer wieder in Tirol. Sorgte etwa mit ihrem unkonventionell vorgetragenen Referat bei den Alpbacher Hochschulwochen für einen Skandal, war begeistert vom Jazz, den sie in der Schwazer Eremitage hörte. Denn obwohl die Absolventin der Wiener Akademie der Bildenden Künste als Schülerin von Herbert Boeckl und jahrelang in Paris lebende Freundin von Paul Klee, Piet Mondrian und Hans Arp dem archaischen Kult der Yoruba mit Haut und Haaren verfallen war, blieb sie lebenslang eine weltoffene Frau.

Was sich schön in ihrem Vermächtnis zeigt, wie die Fotos und Objekte beweisen, die nun in der Studiogalerie des Schwazer Museums der Völker zu sehen sind. Wo in der Gegenüberstellung der klassisch stammeskünstlerischen Skulpturen der Yoruba mit den Arbeiten von Wenger deutlich ihre Prägung durch europäische Traditionen des Sehens zum Ausdruck kommt. Die auch nicht verschwindet, als die Künstlerin immer tiefer in die archaische, von Metaphern aufgeladene Formensprach­e der Yoruba eintaucht. Um beides zu skurril hintergründigen Objekten zu verdichten, in denen Skulptur, Architektur und Natur zu einer großen Einheit verschmelzen, in der der einzeln­e Mensch sehr klein wird.

Als einflussreiche Yoruba-Priesterin war Susanne Wenger nicht nur eine wichtige spirituelle Instanz in Nigeria, sie war auch als Lehrerin von größtem Einfluss. In dem von ihr in Oshogbo gegründeten – noch heute bestehenden – kreativen Zentrum scharte sie junge Künstler um sich, die sie lehrte, im Geist des Alten Neues zu schaffen. Einige Beispiele davon sind ebenfalls in der Schwazer Schau zu sehen, neben Batiken, die Susanne Wenger ganz in der Manier der Yoruba auf ihre Weise kreier­t hat.

Leider sei das Lebenswerk von Susanne Wenger, der mitten im Urwald liegende heilige Hain der Göttin Osun, heute akut gefährdet, bedauert Gert Chesi. Da helfe auch der Titel eines UNESCO-Kulturerbes nicht viel, den dieser einzigartige Ort seit 2005 trägt.