Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 17.08.2015


Kunst

Energieschub auf der grafischen Spielwiese

Die Preisträger des 34. Österreichischen Grafikwettbewerbs und Denksportaufgaben von Roman Pfeffer in der Taxisgalerie.

© Roman PfefferBalanceakt mit 17,5 Meter langem Sportruderboot: In Roman Pfeffers Video „Brain Twister“ wird der Kahn zum Kopf-Propeller. Foto: Roman Pfeffer



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Haus- und Sternenstaub, Erinnertes, Architekturmonumente, historische Handelswege, entschleunigte Antworten auf das digitale Rauschen: Der inhaltlichen Vielfalt der beim 34. Österreichischen Grafikwettbewerb prämierten Arbeiten steht das breite Spektrum der Verfahrensweisen um nichts nach, das Medium Grafik erweist sich hier einmal mehr als ein höchst erfinderisch ausgeschöpftes. Die Palette reicht von traditionellen Druckverfahren bis zum Zeichnen mit Strom, das bei Judith Fegerl auch zur Raumerkundung wird. Für ihre am US-Minimalisten Fred Sandback angelehnte Serie „#10 hot-wired (zehn isometrische Zeichnungen für zehn vertikale Konstruktionen)“ wurde der 1977 geborenen Wienerin der vom Land Tirol gestiftete, mit 5500 Euro dotierte Hauptpreis zugesprochen. Es sind filigrane Energiekreisläufe, die Fegerl hier mit das Papier durchdringenden und verlöteten Kupferdrähten geschaffen hat.

Der von der Kulturabteilung des Landes Tirol alle zwei Jahre ausgelobte Wettbewerb ist österreichweit der einzige seiner Art, allerdings auch einer, der zuletzt mit einem Schwund an Preisstiftern zu kämpfen hatte, besonders bedauerlich war der Ausstieg des Bundes 2009, auch Salzburg und die Steiermark haben sich schon vor einigen Jahren zurückgezogen, dieses Jahr zudem die Hypo Tirol. Umso erfreulicher, dass man mit dem mit 3000 Euro dotierten Preis des Georg & Alice Eisler Stiftungsfonds für bildende Künstler und Komponisten heuer einen Neuzugang präsentieren kann. 274 Einreichungen hat es gegeben, die Jury (Patrizia Dander, Museum Brandhorst, Genoveva Rückert, OK Linz, und Günther Dankl, Ferdinandeum) hat auf die Bandbreite zeitgenössischer Grafik gesetzt, insgesamt elf Preise im Gesamtwert von 28.790 Euro wurden vergeben, hinzu kommen Ankäufe des Landes Tirol in Höhe von 4500 Euro.

Zu konzeptuellen Ansätzen wie Andreas Fogarasis minimalistischer Kultur-Verortung auf Stadtplänen oder Michail Michailovs täuschend echt gezeichnetem Hausstaub gesellen sich u. a. Erkundungen politischer Landschaften, die in den Zeichnungen von Moussa Koune auf den ersten Blick gänzlich harmlos, ja austauschbar daherkommen, aber eigentlich die Flucht des im Alter von 15 Jahren aus der Wehrmacht desertierten Großvaters des Künstlers nachzeichnen. Mit Gabriele Sturm und Andrea Lüth sind auch zwei Tirolerinnen unter den Preisträgern, noch einmal zu sehen sind auch die 2013 ausgezeichneten Blätter von Roman Pfeffer, erweitert durch neuere „Kompositionen“, in denen sich die Linien konventioneller Notenblätter zart, aber bestimmt den Weg in die Dreidimensionalität bahnen.

Pfeffer erhielt 2013 den Hauptpreis, weshalb ihm heuer eine Einzelpräsentation gewidmet ist: Unter dem Titel „brain twister (mazzocchio)“ zeigt er Skulpturales, auf der Demontage von althergebrachten Ordnungssystemen aufgebaute Denksportaufgaben, Umformungen und Struktur-Erkundungen. Der florentinische Renaissance-Künstler Paolo Uccello und seine ringförmige, zu Studienzwecken über Geometrie und Perspektive verwendete Kopfbedeckung spielen darin ebenso eine Rolle wie ein 17,5 Meter langes Sportruderboot – im Übrigen der österreichische Olympia-Achter von 1972.

In den Kunstkontext transferiert wird er zunächst zur Absurdität. Aber auch zum ästhetischen Objekt, das in der Videoarbeit „Brain Twister“ nicht zuletzt zur Antriebsschraube wird, mit deren Hilfe sich allerlei gedankliche Volten schlagen lassen.