Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.09.2015


Kunst

Im Anderen das Eigene erkennen

Helena Manhartsbergers völkerverbindendes Projekt „Tirolesia“ im Fotoforum.

© manhartsbergerHelena Lea Manhartsberger zeigt einer Osttiroler Almwirtin ihre Fotos aus Indonesien. Foto: Manhartsberger/Sigit



Von Edith Schlocker

Innsbruck – „Geschichte ist wichtig und kann nicht verlorengehen“, hat der politisch bewegte indonesische Straßenkünstler Digie Sigit in großen roten Buchstaben auf eine der Wände des Fotoforums gesprayt. Neben dem in Schablonenmalerei ausgeführten Porträt einer kleinen Lanserin, die diesen bedenkenswerten Satz bei einem Interview zu Helena Lea Manhartsberger gesagt hat – im Rahmen ihres Projekts „Tirolesia“, bei dem die junge Tirolerin und Sigit im Sommer 2014 bzw. 2013 jeweils drei Wochen per Motorrad in Tirol bzw. Indonesien unterwegs waren, mit dem Ziel, einen interkulturellen Dialog anzuzetteln, indem sie die unterschiedlichsten Menschen da wie dort sich ein Foto aus dem jeweils anderen Land aussuchen und dazu ihre eigenen Geschichten erzählen ließen.

Was dabei herausgekommen ist, führen Manhartsberger und Sigit nun im Fotoforum vor. Wobei sich die Geschichten, die die Menschen aus Indonesien und aus Tirol erzählen, trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Lebensbedingungen oft sehr ähneln. Wenn etwa ein indonesischer Polizist, der sich als Impulsbild erstaunlicherweise das eines Staus auf der Inntalautobahn ausgesucht hat, in seinem Statement die Menschen dazu auffordert, mehr aufeinander zu achten. Nicht weit entfernt vom Aufruf eines Tiroler Bergretters: „Take care and enjoy your life.“ „Macht die Welt bunter und lebendiger“, schreibt dagegen eine fröhliche Tiroler Streetartistin und zeigt gleich vor, was sie damit meint, indem sie den Stamm eines Baumes bunt umhäkelt.

Diese grundsätzliche Verwandtschaft aller Menschen zeigt sich aber auch in skurrilen Geschichten. Etwa in der von Putri Santoso, die davon erzählt, wie aus einer geplanten Hühnerfarm nichts geworden ist, weil die Warane alle Tiere samt Eiern aufgefressen haben, und der der Unterländer Bergbäuerin Loni Ritzer – der Großmutter von Helena Manhartsberger –, die ihr dem Fuchs entrissenes Huhn eigenhändig so gut „operiert“ hat, dass es 14 Tage später wieder ein erstes Ei gelegt hat.

Die Geschichten haben aber auch sehr viel mit Sehnsüchten und persönlichen Traumata zu tun. Wenn sich ein junger indonesischer Schriftsteller etwa ein Tiroler Fasnachtsbild aussucht, obwohl er Tirol seiner Kälte wegen in nicht allzu guter Erinnerung hat. Die achtjährige Lia kennt Schnee wiederum nur aus dem Fernsehen, ihre gezeichnete Vorstellung einer Schneeballschlacht ist aber köstlich. Ein erschreckendes indonesisches Kriegsbild lässt in einer Osttiroler Almwirtin Kindheitsängste aufleben, als ihre Mutter Brot an Flüchtlinge verschenkt hat, was mit hohen Strafen sanktioniert wurde.

Helena Manhartsbergers und Digie Sigits „Tirolesia“ wurde bereits mit großem Erfolg an zwei renommierten Ausstellungsorten in Indonesien gezeigt. Der Film über ihren dreiwöchigen Roadtrip durch Tirol läuft morgen, 19 Uhr, im Innsbrucker Leokino.