Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.12.2015


Kunst

Die Vermessung der vom Untergang bedrohten Welt

Wo die Kunst Prozesse der Natur reflektiert, ist auch die Klimakatastrophe nicht weit: „Die Kräfte hinter den Formen“ in der Galerie im Taxispalais.

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© Charriere



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Zeitgerecht zum Weltklimagipfel hat der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson tonnenschwere Eisblöcke aus Grönland vor das Pariser Pantheon verfrachtet, wo sie parallel zu den Hoffnungen auf einen Durchbruch in Sachen Klimaschutz vor sich hinschmelzen. In Innsbruck wird der Fingerzeig auf die globale Erwärmung anderen überlassen, von Eliasson ist hier eine jener Serien zu sehen, in denen er zu Militärzwecken entstandene Luftaufnahmen aus Island mittels Edeldruckverfahren (Heliogravüren) in fast plastisch wirkende Form-Landschaften übersetzt.

Künstlerische Auseinandersetzungen mit „Erdgeschichte, Materie, Prozessen der Natur“ sind das Feld, das die aktuelle Gruppenschau in der Galerie im Taxispalais beackert. Ein wenig scheitert sie dabei an der eigenen Materie, die nicht stringent genug bearbeitet wirkt, jedenfalls kaum eine Gliederung erkennen lässt. So bewegt man sich etwas ziellos zwischen Form- und Materialsammlern, Bewusstseinsbildnern, Spielern mit der Wahrnehmung und Forschern am Verhältnis zwischen Mensch und Maschine – macht dabei aber durchaus lohnende Entdeckungen: Julian Charrières Rückführung von aus Elek­troschrott gewonnenen Seltenen Erden in künstlich hergestellte Gesteinsbrocken etwa, die sich hier als „posthumane Landschaft“ ausbreiten.

Charrière ist es auch, der mit der Fotoserie „The Blue Fossil“ den unvermeidlichen Kommentar zum Klimawandel beisteuert: Die Bilder sind entstanden, als sich der Schweizer auf einem Eisberg stehend mit einem Gasbrenner den Boden unter den Füßen wegschmolz. Die eindringliche „Musik“ dazu liefert die Schottin Katie Paterson, die aus Gletscher­eis Schallplatten presste und sie so lange abspielte, bis sie schmolzen.

Ganz klar: Die vom Menschen manipulierte, wenn nicht gar gemachte Natur ist eine ziemlich trostlose, entsprechend fahl kommt vielfach auch der künstlerische Blick darauf daher. Und wo natürliche Leuchtkraft eingesetzt wird, hat das mitunter auch appellativen Zweck: In George Steinmanns dokumentarischem Projekt über die verwundete russische Arktis fließt der Saft der Heidelbeere wegen ihrer heilsamen Wirkung ein.

Dass auch des Menschen liebste Schöpfung, nämlich die Maschine, ob des eigenen Alterungsprozesses nicht vor emotionalen Tiefs gefeit ist, behandelt wiederum der Engländer Rober Hiorns ironiebeflissen mit der Installation eines Düsentriebwerks, das mit Antidepressiva gefüttert und von Zeit zu Zeit von einem männlichen Nacktmodell „aktiviert“ wird.

Den Titel für die in Kooperation mit den Kunstmuseen Krefeld und dem Kunstmuseum Thun entstandenen Schau entlieh man sich nicht zufällig vom dänischen Maler und Bildhauer Per Kirkeby, der die Erdwissenschaften als promovierter Geologe selbst einmal als die Lehre von den „Kräften hinter den Formen“ bezeichnet hat. Von seinen skizzenhaften Radierungen aus dem Zyklus „Grönlandfahrt“ über Hans Schabus’ Grabungen an den Galerie-Strukturen bis hin zu den konzeptuellen Form-Forschungen von Jens Risch, der kilometerlange Seidenfäden in tausendstündiger Arbeit zu korallenartig wirkenden Objekten knotet, reicht das Spektrum dieser prozessorientierten Schau. Man könnte darin auch einmal der Fluss sein, der das Gestein formt und schleift: Diese poetische Vorstellung paart Giuseppe Penones „Essere fiume“ mit pragmatischer Herangehensweise: Der Turiner Arte-povera-Star hat einen vorgefundenen Marmorbrocken nachgebildet und diese Replik dem durch die Kraft der Elemente geformten Original zur Seite gestellt. Eine Version dieser Skulptur zeigte Penone auch auf der documenta 13 in Kassel, wo vor allem auch sein Bronze-Baum „Idee di pietra“ für Aufsehen gesorgt hat. Da wird dort lieferte die Natur das Ausgangsmaterial für Überlegungen zu organischen Entstehungsprozessen und künstlerischer Nachbildung.