Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.01.2016


Kunst

Schöner stürzen

Das Memento mori im zeitgeistigen Kleid: Richard Hoeck und John Miller bei Widauer.

© SchlettererGroßformatige Fotoprints und Bruchstücke der „abgestürzten“ Schaufensterpuppen zeigen Hoeck/Miller in der Galerie Widauer. Foto: Galerie Widauer/Schletterer



Innsbruck – Wenn das tirolerisch-amerikanische Künstlerduo Richard Hoeck und John Miller sich an Schaufensterpuppen zu schaffen macht, ist mit Brutalitäten zu rechnen – freilich nur im Dienste allegorischer Welt-Betrachtung. Machten Hoeck/Miller die Galerie Widauer vor einigen Jahren zur Bühne für das „Groteske“ der Warenwelt, ist es nun der „Sex-Appeal des Anorganischen“, der – gestützt auf entsprechende Überlegungen Walter Benjamins – zerlegt wird. Und zwar buchstäblich: Das Geräusch zerberstender Körperteile breitet sich hier aus, Quelle ist das Video „Mannequin Death“, entstanden in der Zirler Schottergrube, von deren Abbruchkante hochmodisch gekleidete Personen in die Tiefe stürzen. Geschubst von einem anonymen Arm, dessen Künstlichkeit ebenso unschwer zu erkennen ist wie die der Körper selbst. Dennoch wirken diese Szenen, zum Teil durch Zeitlupen intensiviert, in höchstem Maße unangenehm. Was wohl auch der Intention entspricht: Die zeitgeistige Mode-Ästhetik (es sind aktuelle Kollektionen, die die Puppen tragen) wird hier zur Staffage für eine ins Groteske übersteigerte Auseinandersetzung mit Schönheit, Schrecken, Vergänglichkeit etc.

Unterm Strich entpuppt sich jedoch auch das Morbide als nur (schöner) Schein – potenziert durch in den Raum gestapelte, „verletzte“ Puppenteile und als großformatige Prints gezeigte Detailaufnahmen mit fetischartiger Anmutung.

Das ist reichlich demonstrativ, erhält im Video mit seiner eindrucksvoll postproduzierten Tonspur aber eine durchaus hübsche ironische Fußnote, wenn hyperrealistische Inszenierung auf Reales trifft – und ein Adler die Flugbahn eines Mannequins kreuzt. (jel)