Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.08.2016


Bezirk Schwaz

Deutsch beim Schauspielen lernen

Trotz unterschiedlicher Herkunft, anderer Sprache und Kultur arbeiten acht Jugendliche an einem gemeinsamen Theaterstück. Vorurteile und Barrieren waren schon am ersten Probentag in Bruck passé.

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© Eva-Maria Fankhauser



Von Eva-Maria Fankhauser

Bruck – Sie sind sehr konzentriert, folgen den Vorgaben mit viel Engagement und hängen sich in das außergewöhnliche Projekt voll hinein – die Rede ist von den Jugendlichen, die an einem Theaterstück zum Thema Heimat arbeiten.

Das Besondere daran ist, dass sechs der acht begeisterten Laiendarsteller Jugendliche mit Fluchterfahrung vom Verein „menschen.leben“ sind. Sprachbarrieren gibt es kaum und sonst hilft ein Übersetzer, den sich Theaterpädagoge und Initiator Matthias Rankov zur Seite geholt hat. „Mein Hauptanliegen ist es, Jugendlichen ein interkulturelles Bewusstsein zu vermitteln“, erklärt Rankov. Der 22-Jährige kommt aus Bruck und hat gemerkt, dass in der Region viele Menschen nichts mit der Flüchtlingsproblematik anfangen können. „Leider haben viele eine extreme Fremdenangst und teils auch Hass entwickelt. Aber Integration kann nur durch ein Miteinander funktionieren“, betont Rankov. Er hofft, mit diesem Projekt einen kleinen Teil zu einem besseren Miteinander beitragen zu können.

Berührungsängste oder Vorbehalte haben die Jugendlichen keine. Sie sind mit viel Freude und Motivation dabei und freuen sich schon auf ihren ersten großen Auftritt zusammen. Die acht minderjährigen Flüchtlinge wurden in Strass aufgenommen und stammen aus Afghanistan. „Mir gefällt das Projekt super und es funktioniert auch mit dem Sprechen ganz gut“, erzählt Moien freudig, auch wenn ihn die Vorstellung, auf der Bühne vor vielen Leuten zu stehen, schon etwas nervös werden lässt. „Mir gefällt das Schauspielern. Ich habe schon viel gelernt“, berichtet Hossein freudestrahlend. Für Heimleiterin Özlem Yagmur sind Projekte wie dieses besonders wichtig: „Die Jungs waren sofort total begeistert und das Theaterprojekt ist zudem wie ein Deutschkurs.“ Es sei wichtig, dass die Jugendlichen auch einmal abschalten könnten. „Viele sind traumatisiert und durch das Schauspielern können sie psychosomatische Probleme teils überwinden“, sagt Yagmur.

Auch die beiden Mädls der Gruppe sind vom Theaterprojekt begeistert. „Es macht voll viel Spaß und sprachlich gibt es keine Probleme, die Jungs sprechen zudem gut Englisch“, schildert Greta aus Finkenberg. Sie hat sich in ihrer Schule für das Projekt angemeldet. Und auch Lisa aus Bruck ist motiviert, mit den Flüchtlingen zusammen zu schauspielern: „Die sind alle total nett und es hat bereits am ersten Tag gut geklappt.“

Zwölf Tage lang wird fleißig täglich von 10 bis 17 Uhr für die Aufführung geprobt, diskutiert und ein gemeinsames Stück auf die Beine gestellt. Zu sehen ist das Stück am 19. August um 19.30 Uhr im Westbahntheater in Innsbruck.

Finanziert wird das Theaterprojekt durch Spenden. „Drei engagierte Bruckerinnen kochen jeden Tag für uns“, zeigt sich Rankov von der Hilfsbereitschaft überwältigt. Auch die Lebenshilfe unterstützt die schauspielerische Integration. „Wir leben heute in einer Einwanderungsgesellschaft. Der Aufbau von gegenseitigem Verständnis und Vertrauen gehört im Jahr 2016 ebenso zur Bildung wie Schreiben, Lesen oder Rechnen“, unterstreicht Kerstin Egger (GF Volkshilfe Tirol). Zudem wird Rankov von einem angehenden Schauspieler und einer Theaterwissenschafterin unterstützt.