Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.08.2016


Kunst

Wie man Bilder hören und Musik betrachten kann

Eine „mehrfach barrierefreie“ Ausstellung des Kunsttreffs in Kematen soll das Kunsterlebnis erweitern – nicht nur für Menschen mit Behinderung.

Sichtlich stolz auf die Ausstellung: Markus Heigenhauser (GF Verein Impulse), Markus Antretter, Barbara Schaffenrath, Andrea Mairhofer und Andrea Tasnadi, Leiterin des Kunsttreffs in Kematen (v. l.).

© DomanigSichtlich stolz auf die Ausstellung: Markus Heigenhauser (GF Verein Impulse), Markus Antretter, Barbara Schaffenrath, Andrea Mairhofer und Andrea Tasnadi, Leiterin des Kunsttreffs in Kematen (v. l.).



Von Michael Domanig

Kematen – Seit 2014 betreibt der Verein Impulse Völs den „Kunsttreff“ in Kematen, Dorfstraße 4. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Galerie, in der Künstler kostenlos ausstellen können, sondern auch um einen Arbeitsplatz für vier Menschen mit Beeinträchtigung, die dort ein Tagesangebot vorfinden und viermal pro Jahr Ausstellungen tatkräftig mitorganisieren.

Jene kleine Ausstellung unter dem Motto „Wünsche“, die dort am Mittwoch ihre Pforten öffnet, dürfte laut Markus Heigenhauser, Geschäftsführer des Vereins Impulse, bislang österreichweit einzigartig sein: Denn sie ist gleich in mehrfacher Hinsicht „barrierefrei“.

Tommy Seiters „Flying Bride“ wird in Kematen auch für blinde Menschen erlebbar – über Bildbeschreibungen per Kopfhörer oder Brautkleidstoff und Luftballons zum Angreifen.
Tommy Seiters „Flying Bride“ wird in Kematen auch für blinde Menschen erlebbar – über Bildbeschreibungen per Kopfhörer oder Brautkleidstoff und Luftballons zum Angreifen.
- Andrea Tasnadi

Das betrifft nicht nur den baulichen Zugang, sondern vor allem die Kunstwerke selbst: Sie werden so erweitert, dass auch Menschen mit unterschiedlichen Sinnes- und Verständnisbeeinträchtigungen sie erfahren können. Namhafte Künstler mit und ohne Behinderung – von Lois Weinberger bis zum Tänzer und Choreografen Michael Turinsky – haben Werke aus sieben Kunstrichtungen zur Verfügung gestellt, von Malerei über Musik bis Film. In der Galerie habe man versucht, diese Werke „zu übersetzen, also auf verschiedene Wahrnehmungsebenen zu bringen, auditiv, visuell, haptisch“, führt Heigenhauser aus.

Tommy Seiters Fotokunstwerk „Flying Bride“ – es zeigt eine Frau im Brautkleid, die, von Ballons getragen, durch die Lüfte schwebt – kann ein blinder Mensch sonst beispielsweise nicht erfahren. Also wurde es mit akustischen Bildbeschreibungen in Standardsprache und so genannter „leichter Sprache“ versehen, auch Brautkleidstoff und ein Luftballon zum Angreifen liegen bereit. Musik von Claudia Nußbaumer wiederum wird für Gehörlose in Vibrationen übertragen oder mit einem bunten Wasserspiel in Farben übersetzt. Die Einladungen zur Ausstellung gibt es auch in Brailleschrift, die Ausstellungspläne in Taktildruck.

Das Projekt reagiere auch auf rechtliche Veränderungen, sagt Heigenhauser. So sehe etwa die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vor, dass Informationen „so weiterzugeben sind, dass die Menschen sie verstehen“.

Auch Lois Weinbergers 3-D-Kunst erhält durch Mohnkapseln und -blüten eine haptische Zusatzdimension.
Auch Lois Weinbergers 3-D-Kunst erhält durch Mohnkapseln und -blüten eine haptische Zusatzdimension.
- Tasnadi

Heigenhauser betont aber, „dass wir keine Ausstellung für Menschen mit Beeinträchtigung machen, sondern das Kunsterlebnis für alle erleichtern und erweitern wollen“. Die haptische Erfahrung oder einfache Beschreibung könne auch Kindern und „chronisch normalen“ Menschen dabei helfen, Kunst zu begreifen. „Wir wollen auch jene ansprechen, die in Galerien oder Museen Schwellenangst haben“, meint Andrea Tasnadi, Leiterin des Kunsttreffs.

Die Besucher können sich auch aktiv an der Ausstellung beteiligen: In einem „Raum der Wünsche“ kann man solche deponieren und selbst kleine Kunstwerke schaffen.

„Künftig soll es selbstverständlich werden, dass man Ausstellungen barrierefrei gestaltet“, wünscht sich Heigenhauser. „Wir wollen auch zeigen, dass so etwas kostengünstig umsetzbar ist.“ Die Reaktion aller Beteiligten – von den Künstlern über Blinden- und Gehörlosenverbände bis hin zu Profis aus der Kunstszene – habe jedenfalls bewiesen, „dass der Wunsch nach dieser Art von Ausstellung da ist“.

Die Vernissage in Kematen beginnt am 31. August um 15 Uhr, die Ausstellung läuft bis 14. September (Mo bis Sa von 10 bis 18 Uhr). Führungen finden am 3. und 7. September jeweils um 17 Uhr statt – oder nach Terminvereinbarung unter Tel. 0664/3533294.