Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 09.05.2017


Kunst

Im Amt für kulturelle Alternativen

„Wir // Hier“ heißt eine Ausstellung, die die Innsbrucker Gegenkulturen von den 1950er Jahren bis in die 2000er Jahre beleuchtet. Aber kann man Subkultur überhaupt ausstellen? Und was wird dann aus ihr?

© Henner KröperZwischen 1983 und 1987 ehrenamtlich geführtes Kulturzentrum, Proberaum, offenes Atelier und anderes mehr: das AKT, erster Bogen der späteren Bogenmeile und berüchtigt durch die Chaostage 1986, die letztlich auch das Ende dieses Subkultur-Ortes bedeuteten.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Vom blöden Gasthaus- und Fernseh-Hocken frustriert?? Ein Kommunikationszentrum ist im Aufbau! ... zum Mitmachen!!!!“: Die Häufung der Interpunktionszeichen auf diesem Flugblatt aus den 1970er Jahren lässt auf einen nicht gerade niedrigen Verdrossenheitsgrad schließen, besagtes autonomes Kommunikationszentrum, kurz KOZ, soll Abhilfe schaffen, es wird von einer Gruppe von Studenten gegründet und ist von 1977 bis 1979 in einem alten Stadthaus in St. Nikolaus beheimatet.

Ähnliche Aufbruch- oder vielmehr: Ausbruchstimmung gibt es im Innsbruck der 1960er, 70er und 80er Jahre nicht zu knapp, Mangel herrscht dagegen an alternativen Räumen und Realitäten. Die sich Initiativen und Kulturschaffende – auch nach dem Vorbild anderer Städte – kurzerhand selbst schaffen: kurzlebige, bis heute nachwirkende, krawallige, legendär gewordene. AKT, Komm und Haus am Haven etwa klingen heute noch verwegen nach antibürgerlicher Alternative und jugendlicher Selbstermächtigung. Und folglich heftiger Abwehrreaktion des konservativen Lagers. Über die jungen Leute im autonomen Jugendzentrum Desinfarkt in der Innsbrucker Badgasse 4 war 1981 just in der TT zu lesen: „Haltet die Altstadt rein! Auch vor solchen Typen!“

Nur eine Hausnummer weiter darf man sich nun ausmalen, wie Innsbruck heute ohne jenen Widerstandsgeist gegen die kultur- und jugendfeindliche Stimmung jener Jahre aussähe. „Wir // Hier“ heißt eine Ausstellung im Stadtarchiv/Stadtmuseum, die aus den Recherchen von Maurice Kumar und Albrecht Dornauer zur Innsbrucker Subkultur seit Mitte der 1950er Jahre entstanden ist. Vor drei Jahren als ein mit 10.000 Euro gefördertes „stadt_potenziale“-Projekt gestartet, hat die Unternehmung sich zu einer österreichweit ziemlich einzigartigen Unternehmung ausgewachsen: Das Online-Archiv (siehe Kasten) wird heute freigeschaltet und soll weiter wachsen. Dafür wird im Rahmen der Ausstellung auch ein eigenes „Amt für Chaos und Stattstruktur“ eingerichtet. Allzu förmlich wird es dort dem Namen nach eher nicht zugehen – auch wenn die Geschichte der Gegenkulturen hier im für sie eher untypischen musealen Rahmen angelangt – also „stubenrein“ und damit „selbst Kultur“ geworden ist, wie es Stadtarchiv-Leiter Lukas Morscher augenzwinkernd formuliert. Ihrer Subversivität will man die Subkultur dadurch aber nicht berauben – immerhin ist die Unternehmung auch eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, was zu sammeln eigentlich die Aufgabe eines Stadtarchivs ist, was gleichsam ins kollektive Gedächtnis „gehört“ und die Geschichte einer Stadt dokumentiert.

„Viele Dinge, die wir heute als selbstverständlich betrachten, sind hart erkämpft worden“, sagt Kumar mit Blick auf viele Subkultur-Orte, deren Geschichte er ausgehoben hat. Insofern lasse sich durch sie auch die allgemeine Stadtgeschichte „gut beschreiben“ – nur eben aus etwas anderer Perspektive: „Wann gab es viel Widerstand? Welche Zeiten waren gut für die Kultur? Welche weniger?“

Über die gesellschaftsbildende Kraft subkultureller Bewegungen wissen auch in Innsbruck erschienene Fan­zines und Zeitschriften wie die Erste Tiroler Schwulenzeitschrift einiges zu erzählen. Schade, dass man die ebenfalls hier verbreitete Kassettenzeitung – „sozusagen die Podcasts der 80er Jahre“, so Dornauer – nicht auch anhören kann. Das Material, das Dornauer und Kumar gesammelt haben, auszustellen, ist nicht die allerleichteste Übung, handelt es sich doch zu einem großen Teil um Flachware, sprich Flyer und Plakate. Teresa Stillebacher hat eine schöne Ausstellungsarchitektur entworfen, die u. a. mit guckkastenartigen Aussparungen schöne Einblicke ermöglicht.

Unter anderem auf das am stilechten Röhrenfernseher gezeigte Videomaterial, das von The Boys geblieben ist. Stilvorbild des Tiroler Quartetts, 1958 gegründet, waren offensichtlich die Beatles, man trat aber auch schon einmal in Lederhosen auf. Nichtdestotrotz haben The Boys das erste Beatalbum der österreichischen Musikgeschichte veröffentlicht. Die 1971 gegründete Tiroler Progressive-Rock-Formation Isaiah wiederum war eine der erfolgreichsten österreichischen Bands der 1970er Jahre. Aber auch allein um im Tagebuch der Capers zu schmökern, lohnt sich der Besuch dieser Ausstellung unbedingt.

Info

Eröffnung. Dienstag, 18.30 Eröffnung der Ausstellung „Wir // Hier. Die sogenannte Subkultur" im Stadtarchiv/Stadtmuseum (Laufzeit bis 7. Juli). Außerdem wird das Online-Archiv Innsbruck.Subkulturarchiv.at freigeschaltet.

Sammelaktion. Das Online-Archiv soll weiter wachsen, wer über Infos und Materialien zur Innsbrucker Subkultur verfügt, ist eingeladen, sie dem „Amt für Chaos und Stattstruktur" zu übermitteln: Dieses ist in der Ausstellung im Stadtarchiv eingerichtet und hat an fünf Freitagen (19. Mai, 26. Mai, 9. Juni, 16. Juni, 23. Juni) von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Spurensuche. Geführte Spurensuchen im Stadtgebieten nach Orten der Subkultur gibt es am 14. Mai und 25. Juni, jeweils 11 Uhr.

Lesung und Konzert. Hans Platzgumer, u. a. mit seinem Bandprojekt H.P. Zinker in der Ausstellung vertreten, ist am 3. Juni (15 Uhr) im Rahmen des Heart of Noise Festivals im Stadtarchiv zu Gast.




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