Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.09.2017


Museum der Völker

Vom Eigenen im Anderen

Lisa Noggler-Gürtler positioniert das Schwazer Museum der Völker grundlegend neu: Zukünftig ist weniger der Kunstblick angesagt als die Frage, was uns Menschen verbindet.

© MUSEUM der Völker



Von Edith Schlocker

Schwaz – Das Schwazer Museum der Völker, das nach vier Monaten Schließzeit am kommenden Samstag neu eröffnet wird, ist kaum wiederzuerkennen. So gründlich hat die neue Leiterin des Hauses, Lisa Noggler-­Gürtler, das 1995 von Gert Chesi gegründete Museum inhaltlich konzentriert bzw. grundlegend umstrukturiert. Wozu auch gehört, dass viel­e der bisher verstellten Fenster frei gemacht wurden, „soll doch immer klar sein, dass man sich in Tirol befindet“, so die neue Hausherrin.

Ausdruck des grundsätzlich anderen Ansatzes, mit dem die gebürtige Schwazerin das Museum der Völker positionieren will. Nicht mehr Exotismus auf höchstem Niveau soll zukünftig hier in einem höhligen, die Wirklichkeit ausblendenden Ambiente zelebriert werden, sondern das Gezeigte soll dazu anregen, „über den Umweg uns fremder Kulturen über uns selbst nachzudenken“. Was gerade in Zeiten von Migrationsströmen ein Gebot der Stunde sei, so die gelernte Althistorikerin mit viel Erfahrung als Ausstellungsmacherin.

Dass ein in so vielen Jahren gewachsenes, ganz von der Persönlichkeit Gert Chesis geprägtes Haus nicht in ein paar Monaten komplett umgekrempelt werden kann, ist klar. „Wir haben einen mehrjährigen Prozess vor uns“, sagt Lisa Noggler-Gürtler, mit dem Ziel, jedes Stockwerk unter ein großes Thema zu stellen. Gestartet wird dieser grundlegende Relaunch mit einem für alle offenen, neu möblierten Eingangsbereich und ganz oben. Hier ist durch das Entfernen der Trennwände ein großer, bis unter das Dach offener, atmosphärisch dichter Raum entstanden, in dem das große Thema Identität augenfängerisch klug verhandelt wird.

Anhand von afrikanischen Masken genauso wie solchen aus Tirol bzw. pittoresken Attributen, über die sich Menschen da wie dort definieren. Im Zentrum stehen allerdings 78 tönerne Köpfe von afrikanischen Männern und Frauen, die der Münchner Künstler Leon Pollux auf steinerne Sockel gestellt hat. Sozusagen als Wächter für zwei Föten, die der Künstler, der seine prägenden Kinderjahre in Liberia gelebt hat, auf den Schlafsack seiner Großmutter gelegt hat, der dieser vor vielen Jahren geholfen hat, ihre Flucht aus dem Osten zu überleben.

Von Pollux geschnitzte Schutzgeister finden sich aber auch im ersten Stock des Museums, neben den uralten Nok- und schrägen Voodoo-Figuren. Diese Durchmischung von Alt und Neu ist Lisa Noggler-Gürtler genauso wichtig wie das Aufstellen von Bauzäunen, auf denen gesellschaftspolitisch relevante Fragen zu lesen sind, die zu beantworten der Besucher aufgefordert wird.

Zwei Sonderausstellungen sollen zukünftig im Schwazer Museum der Völker jährlich stattfinden. Was das schmale museale Budget schwer belastet. Die Stadt Schwaz, deren BM Hans Lintner genauso wie seine Kulturreferentin voll hinter dem Haus steht, hat zur Gänze den Umbau finanziert. Von den 200.000 bis 250.000 Euro, die jährlich notwendig wären, kommen je 40.000 Euro von Land Tirol und Stadt Schwaz. Den Bund mit einer Subvention in derselben Höhe mit ihrem ambitionierten Programm wieder ins Boot holen zu können, ist Lisa Noggler-Gürtler zuversichtlich. Man hofft aber auch bei privaten Sponsoren fündig zu werden bzw. wesentlich mehr als die bisher rund 10.000 Besucher jährlich ins Haus zu locken. Völlig neu soll auch der Museumshop aufgestellt werden. Gert Chesis Filme sind weiterhin im Medienraum zu sehen. Im Oktober soll ein hochkarätig besetzter fünfköpfiger wissenschaftlicher Beirat im Museum der Völker installiert werden.