Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.10.2017


Kunst

Kinder am Hackstock angeseilt

Eine Ausstellung im Weißen Kreuz in Fließ beschäftigt sich mit den Praishöfen. Das Leben im verlassenen Weiler war unvorstellbar hart. Noch heute werden die Wiesen rundherum von Bauern bewirtschaftet.

© ReichleDie Praishöfe werden von Wolf Stefan gemalt.



Von Matthias Reichle

Fließ, Pfunds – „Ich hab’ den Großvater einmal gefragt, wie man da oben in der Steilheit gehen gelernt hat. Er hat geantwortet: Wenn man angefangen hat zu gehen, wurde man am Hackstock mit einem Strick angebunden“, erzählt der ehemalige Höttinger Pfarrer Werner Seifert – sonst wäre man bereits in jungen Jahren abgestürzt.

Seifert stammt aus Pfunds, wo seine Vorfahren einen Bergbauernhof in Extremlage bewohnt haben. Rund um die Praishöfe gibt es kaum einen ebenen Quadratmeter.

Eine besondere Ausstellung des Museumsverein Fließ beschäftigt sich derzeit mit diesem besonderen Ort. Neben einer kleinen Dokumentation sind Bilder des Fließer Künstlers Wolf Stefan sowie Fotografien von Helmut Patsch und Marian Walch zu sehen.

Heute sind die Praishöfe nicht mehr bewohnt, wer zu den verlassenen Gebäuden auf 1582 Metern Seehöhe hinauf will, muss zu Fuß gehen. Es gibt auch keinen Fahrweg.

Seiferts Familie verließ den Ort 1901. Das Leben war unvorstellbar hart, betont er. Trotzdem hat der Großvater, der 1885 geboren wurde, gern oben gelebt. „Aber ohne Grund sind sie dann nicht herunter.“

Gekauft hatte den Hof Seiferts Urgroßvater Andrä Seifert 1868. Damals lebte nur noch eine weitere Familie in der Prais. Von den sieben Kindern der Familie sind drei gestorben. „Wer überlebt hat, ist zach geworden. Mein Großvater und der Urgroßvater sind erst mit hoch 80 gestorben“, so Seifert. Wasser schöpfte man oben aus einem Brunnen. „Da waren aber Ifer – also Würm’ – drinnen. Da musste man beim Trinken aufpassen.“

Die Kinder der Praishöfe haben die Schule im Weiler Wand besucht. „Da geht man eine Stunde über sechs, sieben Lanen­striche drüber.“ Im Winter kam es vor, dass sie dann zwei bis drei Wochen aufgrund der Lawinengefahr daheim bleiben mussten. Wenig Schnee reichte bei der Steilheit aus, um Lanen auszulösen. Zu manchen Stadeln durfte man nur in der Nacht hingehen, weil es untertags bei Sonnenschein zu gefährlich gewesen wäre, wenn sich der Schnee erwärmte.

Die Wiesen hinter dem Hof mussten angetreten werden, um eine Lawine zu verhindern.

Auch wurden die Kinder ohne Arzt oder Hebamme geboren. „Bis man im Dorf war, war es schon zu spät und außerdem wäre der Urgroßvater drei Tage nicht mehr gekommen, weil er g’soffen hat“, so Seifert. Wie das dann alles geklappt hat, ist für ihn unvorstellbar. Sein Großvater ist am 17. März auf die Welt gekommen. Zu dieser Zeit wohnte außer seiner Urgroßmutter keine andere Frau am Hof.

Zu essen gab es in der Prais Erdäpfel; Brot nur zum Wochenende und am Sonntag Speck-Burmalade – „heute würden wir Quiche dazu sagen“, so Seifert. Vor dem Haus wurde auch Korn angebaut. Die Hauptarbeit im Sommer war aber die Heuernte. „Im Jun­i hat man damit angefangen, im Oktober aufgehört.“

Auch heute noch werden die 30 Hektar rund um die verlassenen Gebäude gemäht. Vier Familien aus dem Pfundser Weiler Wand bearbeiten die Flächen.

„Die Prais hat 60 bis 70 Prozent Steigung“, betont Rudolf Netzer. Der steilste Fleck heiße Schoberegg – dafür benötigte man dann bereits Steigeisen zum Mähen. Man sei das gewohnt. „Wir tun das eigentlich gern. Wenn der Juni da ist, fang’ ich an zu fiebern“, erklärt er.

Dabei haben die Bauern ein besonderes System. Da man nicht zufahren kann, wird das Heu, das in der Prais in Stadeln lagert, im Winter mittels Materialseilbahn über den Stubentobel gebracht.

Kinder nimmt man erst ab sechs Jahren mit zum Heuen, davor ist es zu gefährlich, betonen Dominik und Sabine Hangl, die ebenfalls Wiesen in der Prais besitzen. Zur Heuernte helfen dann alle zusammen.

Die Ausstellung im Weißen Kreuz ist bis 29. Oktober jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr und von 15–17 Uhr geöffnet, oder nach telefonischer Vereinbarung bei Walch Josef, 0650/8305301, oder Walter Stefan, 0664/3366583.