Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.11.2017


Kunst

Ein kreativer Kopf, der nicht rastet, sondern rostet

Der Innsbrucker Künstler Horst Rainer ist professioneller „Textil-Roster“. Die einzigartige Technik verdankt er dem Zufall – und seinen Großeltern.

© Markus Jenewein„Art-Workaholic“: Auch mit 80 werkt Horst Rainer jeden Tag unermüdlich in seinem Mühlauer Atelier. Sein „Lebensmaterial“ ist der Rost, dem er verschiedenste Facetten abgewinn.



Von Michael Domanig

Innsbruck – Gemeinhin gilt Rost als Symbol der Vergänglichkeit, ja des Verfalls. Nicht so beim Künstler Horst Rainer, der am Weyrer-Areal im Innsbrucker Stadtteil Mühlau lebt und arbeitet – und dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert. Er erschafft aus dem Material Rost etwas Bleibendes: Seine Spezialität ist nämlich das „Rosten“ von Textilien.

Die grundsätzliche Idee, Rost und Stoff in Beziehung zu setzen, lässt sich bis in Rainers Kindheit in der Steiermark zurückverfolgen: Sein Großvater war Gutsaufseher beim Lipizzanergestüt Piber – und legte größten Wert auf blütenweiße Hemden. Die Oma wusch und schwemmte diese in einem Trog – aus dem auch manch rostiger Nagel herausragte. An die Schimpftiraden des Großvaters kann sich Rainer lebhaft erinnern – erst viel später wurde ihm klar, dass Rostflecken der Grund dafür waren.

Dass Rainer – der eine Bergbaulehre zugunsten der Kunst beendet hatte – zur „Textil-Rost-Art“ fand, ist einem weiteren Zufall zu verdanken: Beim Versetzen von zu bearbeitenden Stahlplatten mittels eines Krans fiel Rainer eines Tages eine der Platten um – und landete auf einem herumliegenden Handtuch. Als Rainer die Stahlplatte Wochen später wieder benötigte, sah er, „dass der Rost am Stoff einen wunderschönen Abdruck hinterlassen hatte“. Also begann er, zu experimentieren – bis zur ersten Ausstellung mit textiler Rostkunst dauerte es noch rund zehn Jahre.

- Markus Jenewein

Im Laufe der Zeit entwickelte Rainer eine komplexe Technik, „die in dieser Form sonst niemand anwendet“. Mittels Plasmaschneider fertigt er aus Stahlplatten Formen an, die dann auf den Stoff gepresst werden. Zwischen Metall und Leinwand platzierte Gegenstände und Formen erzeugen weitere Muster und Unterbrechungen. Die Platten und der eingeweichte Stoff werden mit Erde abgedeckt, der Rost beginnt in diesem günstigen Umfeld rasch zu arbeiten. Mal lässt Rainer das Ganze nur 14 Tage liegen, bisweilen auch ein paar Monate.

Auch wenn es sich um einen bewussten künstlerischen Gestaltungsprozess handelt: Natürliche Vorgänge faszinieren Rainer sehr. „Auch bei dünnen Stahlskulpturen habe ich gerne beobachtet, wie die Natur sie verändert, der Schnee sie einknickt“, sagt Rainer.

Nach internationalen Lehr- und Wanderjahren war der Künstler 1969/70 nach Tirol gekommen: In Erpfendorf bezog er ein altes Bauernhaus, baute einen Skulpturenpark auf und leitete ihn über 25 Jahre lang. Seit 1996 ist er nun am Weyrer-Areal in Mühlau ansässig, einem idealen Ort, um sich wieder verstärkt der Textil-Rost-Art zuzuwenden. Im kreativen Biotop mit seinem alten Fabriksflair fühlt er sich rundum wohl. „Die Künstler und Handwerker hier machen zwar alle ihre eigenen Geschichten, aber der Zusammenhalt ist toll.“

Seine „Textil-Rost-Art“-Technik entdeckte Horst Rainer einst per Zufal­l: Eine Stahlplatte fiel ihm versehentlich auf ein Handtuch.
- Domanig

Zwischendurch hatte Rainer, der im In- und Ausland ausstellt, auch ein Atelier in München. „Dort ist es zwar leichter, als Künstler voranzukommen, ich fand aber keine Ruhe mehr“: Und so zog er wieder nach Innsbruck – sein dortiges Atelier hatte er nie aufgegeben.

Rainer bezeichnet sich selbst als „Art-Workaholic“: Oft arbeitet er von der Früh bis spätabends – teils zum Leidwesen seiner Lebensgefährtin Karin Fischer, wie er anmerkt. „Egal, wo ich bin, ich muss dauernd kreativ sein. In meinem Kopf geht es immer rund.“

Das zeigte sich auch, als Rainer im November 2015 einen Hinterwandinfarkt erlitt: Er kam zur Reha nach Bad Ischl – doch das Stillsitzen im Hotelzimmer war ihm unerträglich. Irgendwann fiel sein gelangweilter Blick auf den schönen Lärchenboden des Zimmers: Bei längerer Betrachtung schienen ihm die Strukturen, Muster und Maserungen im Holz Geschichten zu erzählen. Die Idee der „Bodenradierungen“, die auf ebendiesen Mustern aufbauen, war geboren – eine neue Technik, die ihn seitdem nicht mehr loslässt.

Auch mit 80 bleibt er unermüdlich künstlerisch tätig, an ein Aufhören ist nicht zu denken: „Mich nageln sie hier ein“, sagt er lachend und lässt den Blick durch sein großzügiges Atelier mit den hohen Wänden schweifen, „und der letzte Nagel wird rostig sein.“

Am Samstag, den 11. November, um 19 Uhr bittet Horst Rainer zur Geburtstagsfeier mit Vernissage und offenem Atelier in die Ferdinand-Weyrer-Straße 13. Die Ausstellung ist auch in den Folgewochen zugänglich.




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