Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 06.11.2017


Kunst

Zukunft einer Welt in Trümmern

Fotohistoriker Anton Holzer beleuchtet in seinem neuen Buch die Zeit der Umstürze nach dem Ersten Weltkrieg.

© akg-imagesEine Antikriegspostkarte von 1918 (l.), die Berliner Aufstände vom März 1919, die von Regierungstruppen und Freikorps-Verbänden brutal niedergeschlagen werden.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Der Frieden wird wohl sehr schlecht werden. Aber es ist kein Krieg mehr. Man kann sagen, dafür haben wir Bürgerkrieg“, schreibt die deutsche Künstlerin und Sozialdemokratin Käthe Kollwitz am Silvestertag 1918 in ihr Tagebuch. Der große Krieg ist zu Ende, das Kämpfen noch lange nicht. Es ist der schlichte Kampf ums Überleben in Elend und Hunger, es sind aber auch Straßenkämpfe, Aufruhr und Revolution, die die Jahre des Umbruchs zu neuen politischen Ordnungen prägen.

Dachzimmer einer Familie in Berlin-Friedrichshain, Ende 1918. Fotos: akg-images
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Tagebucheinträge, Briefe, Zeitungsartikel und vor allem auch eine Fülle an Fotografien sind das Material, aus dem der Fotohistoriker Anton Holzer für das Buch „Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19“ geschöpft hat. Das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist schon wieder fast vergessen, es wird aber 2018 wohl auch an das Ende des großen Weltenbrands vor 100 Jahren erinnert werden. Wie entscheidend die Jahre danach waren, zeigt Holzer lebendiges Zeitpanorama, das bereits mit den letzten Kriegsjahren beginnt und bis zu jener „Vorgewitter­schwüle“ reicht, die Harry Graf Kessler am 10. Jänner 1920, dem Tag, als der Friedensvertrag von Versailles ratifiziert wird, wahrnimmt: „Bei uns sind alle Anzeichen für ein fortgesetztes Anwachsen des Nationalismus.“

Der Schriftsteller Ernst Toller, von den Nationalsozialisten ins Exil in die USA getrieben, wo er sich 1939 das Leben nahm, beginnt seine Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ mit den Worten: „Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muß die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen, von denen ich hier erzähle.“

Der Hauptfokus liegt auf der deutschen Nachkriegsgeschichte, November­revolution, Generalstreiks, Münchner Räterepublik und deren blutiges Ende. Eher am Rande miterzählt werden die Entwicklungen in Österreich. Holzers Anspruch war es, die historischen Ereignisse im Licht persönlicher (Alltags-)Erlebnisse und Berichte darzustellen, was sein Buch denn auch zu einer lebendigen Geschichtsstunde macht, die bis in die Zwanzigerjahre führt: Die Wirtschaft liegt am Boden, die Inflation galoppiert, viele stürzen sich ins Vergnügen, was gemeinhin als der „Tanz auf dem Vulkan“ überliefert wird, der Alltag freilich ist vom Tanz weit entfernt und der Lehrer August Heinrich von der Ohe aus Niedersachsen hält in seinen Erinnerungen fest: „Eine Wäscheleine gekauft für 200 Mark, eine Grabschaufel für 250 Mark.“

Buchtipp Anton Holzer (Hrsg.): Krieg nach dem Krieg. Revolution und Umbruch 1918/19. Thiess Verlag 2017, 192 Seiten, 39,95 Euro.




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