Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.11.2017


Kunst

Vom Außerfern nach Wien: In der Stadt fand Golif seine Kunst

Er stammt aus einem kleinen Dorf im Außerfern und verdiente sein Geld als Maler auf der Baustelle. In Wien ist der 32-jährige Künstler nun mit großen Werken berühmt geworden.

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Von Deborah Darnhofer

Innsbruck, Wien – Hier ein riesengroßes Kunstwerk, das auf einem grauen Getreidespeicher in Korneuburg gerade fertiggestellt wurde und alle kilometerweit sehen können. Dort ein kleines Dorf in Tirol, das nicht einmal namentlich erwähnt wird und doch viel mit der riesigen Kunst zu tun hat. Golif arbeitet im Hier und kommt von dort.

Doch der Künstler bleibt lieber unerkannt, trägt auf Fotos Sonnenbrille und Kappe. Zweifelsohne gefragte Künstleraccessoires, aber wozu? „Es macht keinen Unterschied, ob ich als Künstler zu sehen bin oder nicht, meine Arbeit steht im Vordergrund.“

Seinen echten Namen will er nicht verraten, auch nicht, aus welchem Tiroler Ort er kommt. Sein breiter Außerferner Dialekt verrät ihn ohnehin. „Ich komme aus einem kleinen Dorf, ganz klein. Im Vergleich zu Wien kann ich gar nicht sagen wie klein“, scherzt Golif beim Telefon­interview. Immerhin sein Alter gibt er preis: 32 Jahre.

In der Bundeshauptstadt fühlt er sich seit sechs Jahren zuhause. Dort ließ er sich an der Universität für angewandte Kunst ausbilden. „Ich bin kein Street-Art- oder Graffiti-Künstler, sondern klassischer Künstler“, betont er.

Als ebensolcher bringt er Größenordnungen durcheinander und spielt mit dem Stadt-Land-Bild. Mittlerweile ist er groß rausgekommen, wie es so schön leger heißt. Er kann von seiner Kunst leben, hat Ausstellungen in Wien und war gerade auf einer in New York vertreten. Kleine Werke sind für hundert Euro zu haben. Golif „will Kunst für alle machen“. Großformatige Bilder kosten bis zu 3000 Euro.

Golif möchte unerkannt bleiben.
Golif möchte unerkannt bleiben.
- KMG

Im letzten Jahr konnte der Außerferner eines der größten Kunstwerke der Welt realisieren: das 30.000 m² große Bild „The Observer“. Diesen Beobachter hat Golif auf einer unverbauten Fläche in Wien aufgemalt. Ausdruckslos starrt seine Figur in die Ferne.

Alle von ihm gemalten dunklen Riesen sind zwar Menschen nachempfunden und haben konkrete Gesichtszüge, doch ihre Augen bleiben rätselhaft und damit ihr gesamtes Wesen.

Das Unbekannte und Ano­nyme, das sich darin zeigt und in der Stadt viel öfter findet als im Dorf, reizt Golif. „Das Spiel mit der Anonymität kommt von der Stadt selbst. Dort befindet man sich in einer Blase, wo man nicht zu vielen Leute ‚Griaß di‘ und ‚Pfiat di‘ sagt. Man sieht sehr viele Leute in der Stadt, blickt aber nicht hinter ihre Fassade.“ Das mache es aber gerade spannend.

Seine stets schwarz-weißen Figuren möchte er deshalb noch öfters auf Mauern zum Leben erwecken. Im Frühjahr will er ein nächstes großes Projekt umsetzen. Getreidespeicher-Besitzer können sich aber auch gerne bei ihm melden, meint Golif. „Bei den Figuren geht es um das einzelstehende Individuum, egal welcher Orientierung, Neigung, welchen Geschlechts, was auch immer. Sie stehen quasi als Individuen frei da und müssen ihren Platz in der Gesellschaft erst finden.“

Seinen eigenen hat Golif als Künstler in Wien gefunden, „obwohl meine Mama gerne hätte, dass ich öfters nach Tirol komme“, verrät der 32-Jährige. Seine Eltern seien sehr stolz auf die Karriere des Sohnes, die ihn von zahlreichen Baustellen ins eigene Wiener Atelier führte.

Der junge Mann arbeitete als Maler, Vergolder, Schildermacher, Verputzer und Vollwärmeschützer, wie er ohne Atempause aufzählt. Nach Feierabend setzte er sich an den Schreibtisch. „Schon als 13-jähriger Schüler habe ich im Unterricht lieber Skizzen gemalt als aufgepasst“, erinnert er sich.

2011 folgte dann der große Schritt in die Bundeshauptstadt. Der Außerferner hängte seinen Handwerkerberuf an den Nagel, ging nach Wien und nannte sich fortan Golif. „Die Kunst ist ohnehin eine größere Baustelle.“ Das Einzige, was ihm dieser Tag dort abgeht, sind die schneeverhangenen Berge hier in Tirol – „zum Snowboarden“.




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